Otto Renois – eine Begegnung

von Florian Helfer und Theresa Michels

Otto Renois (Bildquelle: Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V., Signatur FB 116/2.

Einleitung

Otto Renois, *1892, Stadtverordneter in Bonn (KPD), 

am 4.4. 1933 ermordet, 

erstes Todesopfer des NS-Regimes in Bonn.

(Hinweisschild in der Renoisstraße, Bonn)

Kann das Gedenken an Otto Renois als erinnerungskulturelle „Leerstelle“ bezeichnet werden? Immerhin ist er gleich mehrfach in der Bonner Geschichtskultur verankert. Ein Straßenschild in Bonn-Kessenich weist ihn als „erstes Todesopfer des NS-Regimes in Bonn“ aus, in der Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn[1]sind einige personenbezogene Schriftstücke und Fotografien einsehbar und vor seinem letzten dokumentierten Wohnort in Bonn-Poppelsdorf verlegte Gunter Demnig im Jahr 2004 einen Stolperstein, der in diesem Beitrag noch eine wichtige Rolle spielen wird. Im Internet stößt man unter anderem auf einen Otto Renois gewidmeten Wikipedia-Artikel. Wie rechtfertigt sich also eine weitere Abhandlung über ihn auf diesem Blog? Abgesehen von seinem Geburtsort, dem heute polnischen Gryżyna, hat er nicht viel mit den sowjetischen Opfern nationalsozialistischer Gewalt gemein, denen die meisten Beiträge gewidmet sind. Zwar ähnelt seine Ermordung in ihrer ganzen Perfidität dem gewaltsamen Tod so vieler anderer Opfer des Nationalsozialismus.

Doch dieser Beitrag beschäftigt sich nicht primär mit der Verfolgung und den Todesumständen seines Protagonisten, sondern vielmehr mit einer ganz subjektiven, individuellen Form des Erinnerns und Gedenkens. Kollektives Gedenken allein, so wichtig es für eine demokratische Gesellschaft auch ist, reicht für eine lebendige Erinnerungskultur nicht aus. Erinnerung muss immer wieder aufs Neue wachgerufen werden, unter anderem indem diejenigen, die dazu beitragen, ihre ganz persönlichen „Leerstellen“ füllen. Anders ausgedrückt: Die Verbindung zwischen Geschichtskultur und individuellem Geschichtsbewusstsein ergibt sich nicht von alleine. Kollektive Erinnerung kann nur dann sinnstiftend wirksam werden, wenn sie von jedem einzelnen aktiv mitgetragen und mitgeformt wird.

Wo und wie man damit anfangen kann? Dieser Beitrag versteht sich nicht als Anleitung, Leitfaden oder gar als idealtypisches Beispiel. Er erzählt nur die Geschichte einer Begegnung.

Wahrnehmung, Irritation und Neugier

Im November 2018 entdeckte ich[2]vor meiner gerade erst bezogenen Wohnung einen Stolperstein, der zum damaligen Zeitpunkt durch Oxydation fast schwarz gefärbt war. Eine Zeit lang lief ich mehrmals am Tag an der durch das Wetter veränderten, aber dennoch gut lesbaren Inschrift vorbei, ohne ihr dabei mehr als einen kurzen Blick zu widmen. Eine ganz normale Reaktion, oder vielmehr das Ausbleiben derselben, könnte man meinen. Schließlich wurden inzwischen über 75.000 Stolpersteine verlegt[3]und der Anblick der glänzenden Messingoberflächen in den Fußgängerzonen deutscher Innenstädte ist fast schon zur Gewohnheit geworden. Die FAZ beschrieb das Kunstprojekt 2014 gar als das „größte dezentrales Mahnmal der Welt“[4]. Gleichwohl widersprach mein Verhalten der eigentlichen Intention des Projekts: Stolpersteine sind eben keine namen- und gesichtslosen Überreste, sondern im Gegenteil eine Erinnerungs- und Gedenktradition „von unten“, die den unzähligen Opfern des Nationalsozialismus ihre Würde wiederzugeben anstrebt. Nichtsdestotrotz bleibt die Auseinandersetzung mit ihrem Schicksal im Alltag häufig oberflächlich und geht über einen flüchtigen Blick nicht hinaus.

Vielleicht verhält es sich anders, wenn ein Stolperstein an einem Ort verlegt ist, den man gut zu kennen glaubt. In den folgenden Wochen ertappte ich mich nämlich dann doch einige Male dabei, dass ich mir beim Vorübergehen oder beim kurzen Verweilen begann, Fragen zu stellen. Die Tatsache, dass Renois vor über 80 Jahren dieselben vier Wände wie seit kurzem ich selbst bewohnte, löste ein eigenartiges Gefühl der Zugehörigkeit aus. Wer war Otto Renois? Was verbindet mich mit diesem eigentlich fremden Mann? Was bedeutet mir sein Schicksal – und was bedeutet es heute für mich? Einer ersten Internetsuche folgte eine nähere Recherche, in der ich diesen einerseits fremden, andererseits mir aber doch so nahen Menschen ein Stück weit kennenzulernen versuchte.

Nachforschungen

Otto Renois wurde am 8. August 1892in Griesel (seit 1945 Gryżyna,Polen) im brandenburgischen Landkreis Crossen (Oder)geboren und absolvierte dort eine Ausbildung zum Modellschreiner. Während seiner Gesellenwanderung kam er 1919 nach Bonn und lernte seine spätere Frau Margarethe Schlimbach kennen. Die beiden heirateten 1922 und bekamen 1927 ihren einzigen Sohn Manfred. Die Familie lebte in Poppelsdorf. 1925 legte Otto Renois seine Meisterprüfung ab und arbeitete bis Ende 1927 in der Kessenicher Möbelfabrik Kürten & Dinter. Nachdem er dort entlassen wurde, blieb er bis zu seinem Tod arbeitslos.[5]

Politisches Engagement

Bei der Kommunalwahl am 17. November 1929 sicherte sich die KPD drei Stadtratsmandate. So wurde auch Otto Renois, der auf Listenplatz drei der Partei stand, in den Stadtrat berufen. In seiner Zeit als Stadtratsvertreter saß er im Wohlfahrts- und Bauausschuss und widmete sich vor allem sozialpolitischen Themen. Von Renois‘ Engagement zeugen eine Vielzahl von Anfragen und Anträgen etwa über Mietbeihilfen für Unterstützungsempfänger, Anhebung der Wohlfahrtssätze, Einrichtung von Suppenküchen, kostenlose Ausgabe von Lernmitteln an Bonner Schulen oder über die Einführung der 40-Stunden-Woche in städtischen Betrieben. Über Parteigrenzen hinweg war Renois ein viel geschätzter Kollege. Sogar der nationalsozialistische Oberbürgermeister Ludwig Rickert beschrieb ihn als einen ruhigen, sachlichen und vornehmen Mann, der allgemein sehr beliebt war. Neben seiner Arbeit im Stadtrat trat er zudem als öffentlicher Redner bei KPD-Veranstaltungen auf.[6]

Verfolgung und Ermordung

Bereits kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ging Renois in den Untergrund, um einer politisch motivierten Verhaftung zu entgehen. Vor allem nach dem Reichstagsbrand und der damit verbundenen sogenannten „Reichstagsbrandverordnung“ wurden in Bonn nach dem 1. März 1933 mehr als 250 politische Gegnerinnen und Gegner des Nationalsozialismus gefangen genommen.[7]Da es Renois gelang längere Zeit unerkannt zu bleiben, wurde er zu einem der meist gesuchten Kommunistinnen und Kommunisten in der Region. Wahrscheinlich fand er Unterschlupf in verschiedenen Wohnungen in Köln und Bonn, so auch zum Beispiel im Friseursalon seines Schwagers Hans Höfs.[8]Bei den vorgezogenen Stadtratswahlen am 12. März 1933 erhielt die KPD noch 7,1% der Stimmen und konnte ihre drei Mandate halten. Renois stand damit ein Ratsmandat zu, das er jedoch, wie seine zwei Parteikollegen, nicht mehr wahrnehmen konnte. Renois hielt sich immer noch versteckt, Wilhelm Parsch und Heinrich Lein waren zeitweise in sogenannter „Schutzhaft“. Außerdem wurden alle drei nicht mehr zur konstituierenden Sitzung des Stadtrates am 31. März eingeladen.[9]

Renois hingegen konnte bis zum 3. April einer Inhaftierung entgehen. An diesem Tag kehrte er in seine Wohnung in Poppelsdorf zurück, womöglich um sich von seiner Familie zu verabschieden, bevor er endgültig aus Deutschland fliehen wollte. Eine SS-Streife nahm ihn an diesem Abend gefangen und misshandelte ihn bereits auf dem Weg zum Gefängnis. Nach offiziellen Angaben sei Renois auf der Flucht erschossen worden. So hieß es in einer Mitteilung aus dem Büro des Oberbürgermeisters Ludwig Rickert am 5. April: „In der Nacht vom Montag auf Dienstag wurde der lang gesuchte kommunistische Stadtverordnete Renois in seiner Wohnung verhaftet. Aus dem Wege zur Polizeiwache machte er einen Fluchtversuch und wurden von einem Fahndungspolizisten durch einen Schuss tödlich getroffen. Er verstarb kurze Zeit danach in der Klinik.“[10]Laut seinem Schwager Hans Höfs wurde Renois durch einen Hinterhalt ermordet. Sein Hut sei auf der Poppelsdorfer Allee aus dem Auto geworfen worden und als er auf Befehl hin den Hut zurückholte, sei er erschossen worden. Weitere Zeuginnen- und Zeugenaussagen sind nicht bekannt. Renois wurde noch in der Universitätsklinik operiert, erlag jedoch am 4. April 1933 seinen Verletzungen. Etwa zwei Wochen nach seinem Tod wurde er auf dem Poppelsdorfer Friedhof bestattet.[11]

Prozess

Renois‘ Frau versuchte bereits kurz nach seinem Tod gemeinsam mit anderen Kommunistinnen und Kommunisten durch Flugblätter auf den Mord an ihrem Mann aufmerksam zu machen. Auch eine Anzeige gegen Peter Holzhauer, den Führer der SS-Streife, die für die Gefangennahme ihres Mannes verantwortlich war, blieb erfolglos. Margarethe Renois wandte sich ebenfalls an das Justizministerium, doch die Ermittlungen wurden eingestellt. Nachdem sie aufgrund von Kontakt zu weiteren kommunistischen Widerstandskämpferinnen und -kämpfern am 24. Juli 1935 selbst inhaftiert worden war, wurde das Grab ihres Mannes auf dem Poppelsdorfer Friedhof entfernt. Dank ihres persönlichen Kontaktes zu einem SA-Sturmführer konnte sie jedoch 1940 die Wiederherstellung des Grabes erwirken.[12]

Otto Renois in der Bonner Geschichtskultur

Gedenktafel in der Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. (Fotografie: Florian Helfer, Nov. 2019).

Als erstes Todesopfer der Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten in Bonn hat die Geschichte Otto Renois einen Platz im Stadtmuseumsowie in der Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn. Neben einigen Archivalien zur Biografie und zur politischen Verfolgung von Otto Renois, die dort einsehbar sind, ist ihm in der Gedenkstätte die links abgebildete Gedenktafel gewidmet.

Der Stolperstein, der an Otto Renois erinnert, wurde im Jahr 2004 verlegt und im November 2019 zuletzt von mir gereinigt. Als überregionales, dezentrales Denkmal haben sich die anfangs kontrovers diskutierten „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig inzwischen als wesentlicher Teil der Erinnerung an die NS-Verbrechen in der Geschichtskultur der Bundesrepublik etabliert. Allein in Bonn befinden sich 307 davon.[13]Vielerorts gibt es „Putzpatenschaften“ und andere Initiativen, die anlässlich der Novemberpogrome zur jährlichen Säuberung der Steine aufrufen – aber auch ohne institutionelle Anbindung kann sich jeder an diesem Akt kollektiven Gedenkens beteiligen. Der Unterschied zwischen dem fast schwarzen, von Moos umrandeten Stein vorher und der hell glänzenden Messingoberfläche im Nachhinein ist erstaunlich: 

Der dunkle Stein repräsentiert eine Erinnerung, die einmal aus gutem Grund als bewahrenswert erachtet wurde. Auch wenn der Stolperstein nicht mehr auf den ersten Blick auffällt, ist er dennoch ein dauerhaftes Zeugnis, dessen Botschaft, die Inschrift, klar erkennbar bleibt. Die dunkle Schicht entsteht durch Oxydation unter feuchten Wetterbedingungen und dient sogar als Schutzschicht vor Verfall. Die blank polierte Messingoberfläche hingegen ist ein Ausdruck gelebter Erinnerung, sie fällt sofort ins Auge. In der frequentierten Innenstadt behält sie durch Publikumsverkehr ganz automatisch ihre charakteristische Farbe; andernorts kann die Erinnerung durch das Engagement Einzelner symbolisch erneuert werden.[14]

Wie auf dem mittleren Foto zu sehen ist, wurde der Stein mitsamt seiner von Gunter Demnig angebrachten Umrahmung bei Straßenarbeiten Ende 2019 trotz des größeren Aufwandes in seiner ursprünglichen Form belassen, anstatt ihn herauszunehmen und wie die umgebenden Platten neu zu verlegen. Auch wenn vielen dieses Vorgehen angesichts eines Denkmals selbstverständlich erscheinen wird, kann man den sorgfältigen Umgang mit Stolpersteinen als Geste des Respekts und als Anerkennung der Bedeutung dieser Form der Erinnerung deuten. Die finanzielle Mitwirkung an ihrer Verlegung und der ehrenamtliche Einsatz für ihren Erhalt durch viele Freiwillige spricht für einen hohen Grad an Akzeptanz in der Gesellschaft – auch, wenn es bundesweit leider immer wieder vereinzelt zu rechtsextrem motiviertem Vandalismusund Diebstahlkommt.[15]

Auch an anderen Stellen ist die Erinnerung an Otto Renois in Bonn sichtbar. Im Jahr 1949 entschied der Stadtrat einstimmig, drei neu entstandene Straßen in der Reutersiedlung nach Gegnern des NS-Regimes zu benennen, darunter auch die Renoisstraße.

Straßenschild in Bonn-Kessenich, Ecke Heinrich-Körner-Straße (Fotografie: Florian Helfer, Dez. 2019).

Anlässlich des 85. Todestags von Otto Renois brachte die Partei Die Linke 2018 einen Änderungsantrag bezüglich des Begleittextes ein, der einstimmig angenommen wurde. Die Beschreibung wurde präzisiert und ein zweites Hinweisschild unter dem Straßennamen an der Ecke Reuterstraße angebracht.[16]

Auf dem Poppelsdorfer Friedhof haben sowohl Otto Renois als auch seine Ehefrau Margarethe (geb. Schlimbach) ihre letzte Ruhestätte gefunden. Das linke Foto zeigt sein erstes Grabmal, welches allerdings während der Haftzeit seiner Ehefrau (1935-37) beseitigt wurde, im Jahr 1940 jedoch, wie oben erwähnt, wiederhergestellt werden konnte. Noch später wurde die Grabsteininschrift leicht verändert und mit dem Namen Margarethe Renois‘ ergänzt sowie der Stein näher am Baum positioniert. In dieser Form steht das Grabmal dort bis heute.

Reflexion und Vermittlung

Kann man von einer „Begegnung“ sprechen, wenn man sich historisch mit der Biografie eines Verstorbenen auseinandersetzt? Ein Besuch der Grabstätte von Margarethe und Otto Renois markierte den Abschluss meiner Nachforschungen und kommt einer Begegnung im physischen Sinne wohl noch am nächsten. Dennoch bleibt das Kommunikationsverhältnis, wenn man denn davon sprechen kann, zwischen dem historisch Fragenden und den Quellen einseitig. Was bleibt, ist ein veränderter Blick auf die alltägliche Umgebung und ein geschärfter Sinn für die Historizität der Orte, die im eigenen Leben eine Rolle spielen. Insofern versteht sich dieser Beitrag als Einladung, die eigene Lebenswelt als „geworden“ zu verstehen und Neugier zu entwickeln für das, was war, das, was immer noch ist, und das, was sich verändert hat. Ein Stolperstein vor dem Haus ist nur einer von vielen möglichen Anlässen, solche Fragen zu stellen. Man kann ihn als berechtigte Forderung verstehen, den „Orten der NS-Gewalt ‚vor der Haustür‘ Aufmerksamkeit zu schenken[17]. Die auf den Steinen eingravierten Namen sind nicht beliebig oder austauschbar. Sie laden dazu ein, die Biografien hinter den Namen zu erforschen: Menschen, die so vielfältig und so unterschiedlich wie das Leben selbst sind, die sich gleichzeitig aber immer ähnlicher werden, je näher sie an ihr Ende gelangen – bis hin zum nationalsozialistisch motivierten Mord.

Im Rückblick lässt sich noch eine weitere Schlussfolgerung ziehen. Das gewählte Beispiel, die Geschichte einer Begegnung mit Otto Renois, zeugt von dem enormen geschichtsdidaktischen Potenzial, das historische Orte und geschichtskulturelle Manifestationen aufweisen. Aus dieser Erkenntnis heraus entschlossen wir uns, die Ergebnisse unserer Nachforschungen, aber auch unsere persönlichen Erfahrungen in der aktiven Auseinandersetzung mit Geschichtskultur weiterzutragen. Vor diesem Hintergrund ist eine kleine Ausstellung entstanden, die ab dem 27.01.2020, dem International Holocaust Remembrance Day, im Institut für Geschichtswissenschaften der Universität Bonn besucht werden konnte. Dieser Blogbeitrag ist das digitale Pendant zur Ausstellung, die aufgrund der aktuellen Situation vorerst nicht mehr öffentlich zugänglich ist. Wir hoffen, dass sowohl dieser Beitrag als auch die Ausstellung ihre Leserinnen und Leser sowie Betrachterinnen und Betrachter dazu bewegt, innezuhalten, wenn sich im Alltag eine Tür zur Geschichte öffnet. Nicht selten entdeckt man dahinter Überraschendes, Spannendes, Bewegendes, kurz: Neues – und mitunter verändert eine solche Begegnung den eigenen Blick auf die Gegenwart.

Otto Renois – eine Begegnung.

Eine Ausstellung von Florian Helfer und Theresa Michels.

Historisches Seminar, Konvikstr. 11, 1. Etage.

Öffnungszeiten gemäß derer des Historischen Seminars.


[1]Die Autorin und der Autor danken den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn herzlich für die fachkundige Unterstützung, den Zugang zu den in diesem Beitrag erwähnten Archivdokumenten sowie das Einverständnis zur Publikation der Bildquellen.

[2]Mit der Ersten Person Singular kommt hier eine literarische Erzählerfigur zu Wort. Aus Datenschutzgründen ist die Erzählung insoweit fiktionalisiert – statt dem auf Otto Renois verweisenden Stolperstein könnte man auch jeden anderen Stolperstein zum Ausgangspunkt nehmen.

[3]Vgl. Jubiläum in Memmingen. 75.000. Stolperstein verlegt, in: FAZ.net vom 29.12.2019, URL: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/jubilaeum-in-memmingen-75-000-stolpersteine-verlegt-16557348.html(09.06.2020); Chronik der Stolpersteinverlegungen auf der Website von Gunter Demnig, URL: http://www.stolpersteine.eu/chronik/(09.06.2020).

[4]Andreas Nefzger, Der Spurenleger, in: FAZ.net vom 07.02.2014, URL: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/stolpersteine-der-spurenleger-12788525.html(09.06.2020).

[5]Vgl. Lothar Schenkelberg, „Bonn zu dienen ist Ehre und Freude zugleich!“. Die Bonner Stadtverordneten in der Weimarer Republik. Ein biographisches Lexikon, hrsg. v. Bonner Geschichtswerkstatt, Bonn 2014, S. 191. Siehe auch: Horst-Pierre Bothien, Der große Prozess gegen eine Widerstandsgruppe von Kommunisten und Sozialisten 1936 in Bonn, Bonn 2017, (Forum Geschichte 13 – „nach Recht und Gesetz 1“), S. 38.

[6]Vgl. Paul Zurmieden, Bonner Geschichte(n). Begebenheiten, Anekdoten, Lebensbilder aus Bonn und dem Rheinland, hrsg. v. Hans-Dieter Weber, Königswinter 2014, S. 191. Siehe auch: Wolfgang Alt/Heribert Faber/Christian Kleist/Helmut Uessem, Poppelsdorf. Chronik 1904–2004. Festschrift 100 Jahre Ortsteil von Bonn, Bonn 2004, S. 37.

[7]Vgl. Bothien 2017, S. 12.

[8]Vgl. Schenkelberg 2014, S. 191.

[9]Vgl. Zurmieden 2014, S. 191–192.

[10]Aus dem Büro des Staatskommisars: Der kommunistische Stadtverordnete Renois auf der Flucht erschossen, in: General Anzeiger vom 05.04.1933, URL: https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/3896099(05.07.2020). 

[11]Vgl. Zurmieden 2014, S. 191.

[12]Vgl. Bothien 2017, S. 38.

[13]Zahlen nach den Angaben der Stadt Bonn, URL: https://www.bonn.de/themen-entdecken/bildung-lernen/stolpersteine.php(10.06.2020). Hier sind noch 70.000 Stolpersteine (Stand: Oktober 2018) angegeben, inzwischen sind es über 75.000 (Stand: Dezember 2019), vgl. Anm. 2.

[14]Vgl. Informationen zum Reinigen von Stolpersteinen auf der Website des Kunstprojekts, URL: http://www.stolpersteine.eu/fileadmin/pdfs/Putzanleitung_STOLPERSTEINE_2019.pdf(10.06.2020).

[15]Vgl. etwa Jens Rosbach, Stolpersteine in Berlin. Vandalismus und Querulantentum, in: Deutschlandfunk Kultur vom 05.02.2015, URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/stolpersteine-in-berlin-vandalismus-und-querulantentum.1001.de.html?dram:article_id=310797(10.06.2020); Judith Langowski, Stolperstein-Erfinder bestürzt über Diebstahl von Gedenktafeln, in: Der Tagesspiegel vom 08.11.2017, URL: https://www.tagesspiegel.de/berlin/berlin-neukoelln-stolperstein-erfinder-bestuerzt-ueber-diebstahl-von-gedenktafeln/20558202.html(10.06.2020).

[16]Antrag der Partei Die Linke im Rat der Stadt Bonn, URL: https://www2.bonn.de/bo_ris/daten/o/pdf/18/1811135.pdf(10.06.2020).

[17]Ekaterina Makhotina, Leerstellen – Lehrstätten, in: Bonner Leerstellen. Unbekannte Orte der NS-Gewalt in Bonn und Umgebung, URL: https://bonnerleerstellen.net/leerstellen-lehrstatten/(11.06.2020).

Vernichtungsort Malyj Trostenez: Geschichte und Erinnerung

von Aliaksandr Dalhouski

Fragment der Skulptur „Pforte der Erinnerung“. Bild: Ekaterina Makhotina, Juni 2018.

Im Zuge des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion waren die Nationalsozialisten bestrebt, die physische Vernichtung der europäischen Juden in den Osten des Kontinents zu verlagern. Minsk und Rigawurden nach Litzmannstadt im Oktober 1941 als Deportationsziele bestimmt.[1]So ist das Minsker Ghetto auch zur Haftstätte Juden aus deutschen Städten, aus Wien und dem Reichsprotektorat Böhmen und Mähren geworden. Etwa 7.000 Juden aus Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Berlin, Brünn, Bremen und Wien kamen im November 1941 nach Minsk und wurden ins extra für sie eingerichtete so genannte Sonderghetto auf dem Gelände des Minsker Ghettos eingewiesen. Die Novemberdeportationen der Juden aus Mitteleuropa trugen zur Radikalisierung des Massenmordes im Minsker Ghetto bei: Um Platz für sie zu schaffen, erschossen Sipoeinheiten (Sicherheitspolizei) und Hilfspolizei, unterstützt von Angehörigen der Schutzpolizei und der Gendarmerie, zwischen dem 7. und 11. November 6.624 und am 20. November noch etwa 5.000 belarussischen Juden, darunter Frauen, Kinder und Greise in Tutschinka.[2]

Abb. 1: Denkmal für die Juden, die in Tutschinka ermordet wurden. Zwei riesige Brocken drücken in ausweglose Lage geratene Menschen zusammen. Dieses Denkmal wurde 2008 in der Nähe zum Vernichtungsort errichtet. Architekt: Leonid Lewin, Bildhauer: Haraberusch und Gakulnitzki. Quelle: Geschichtswerkstatt Minsk

Nach der Wannsee-Konferenz kam Minsk für das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) weiterhin als ein Ort für künftige Deportationen mitteleuropäischer Juden in Frage. So führten die Besuche der Holocaust-Planer Eichmann, Himmler und Heydrich im März-April 1942 in Minsk zur Entscheidung, Judendeportationen nicht nur wiederaufzunehmen, sondern die Deportierten auch umgehend nach ihrer Ankunft in der Umgebung von Minsk zu ermorden.[3]Eine von außen schwer einsehbare Lichtung im Waldstück Blagowschtschina аn der Landstraße Richtung Mogilew, etwa 13 Kilometer von Minsk entfernt, wurde zur Ermordungsstätte ausgewählt. Schließlich wurden alle in der Zeit vom Mai bis Oktober 1942 nach Minsk deportierten Juden, insgesamt 16 Transporte davon neun aus Wien, fünf aus Theresienstadt, ein Berlin/Königsberg und ein aus Köln, gleich am Tag ihrer Ankunft zur Lichtung im Waldstück Blagowschtschina, im NS-Jargon als „Umsiedlungsgelände“ bezeichnet, gebracht. Dort wurden sie entweder erschossen oder durch Vergasen umgebracht.

Bonner Juden und ihr Weg in die Vernichtung

Die Transporte aus den deutschen Städten waren Sammeltransporte. So im Zug, welcher am 20. Juli 1942 aus Köln nach Minsk abgefahren ist, waren auch die Juden aus Köln, Bonn und anderen Orten des Rheinlandes, insgesamt 1164 Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Mehr als 150 jüdische Bürger aus Bonn wurden in diesem Transport von Köln-Deutz nach Minsk deportiert; sie waren zuvor in einem von der Gestapo zu einem Lager umfunktionierten Kloster in Endenich interniert worden.[4]Die Deportierten wurden am 24. Juli, am Tag der Ankunft in Malyj Trostenez bzw. Blagowschtschina ermordet. Uns ist kein Überblendende aus diesem Transport bekannt. Geblieben sind einige Postkarten als letzte Lebenszeichen.[5]Am 19. Juli 1942, einen Tag vor ihrer Deportation nach Malyj Trostenez schrieb z.B. die 17-jährige Ruth Herz aus Beuel, welche mit ihre Eltern Max und Edith Herz deportiert wurde, einen Abschiedsbrief an ihren Onkel: 

„…Es ist ein Glück, dass wir alle drei noch jung sind und uns vor keiner Arbeit scheuen. Auch werden wir uns in jeder Lebenslage zurechtfinden… Es ist eine harte Schule durch die ich gehen muss, meine schönsten Jugendjahre gehen dahin, aber ich hoffe, es wird mir einmal doch noch zu Gute kommen.“[6]

Abb. 2: Stolpersteins Max Herz, Edith Herz, Ruth Herz Combahnstraße 24 Bonn. Quelle: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Stolpersteins_Max_Herz,_Edith_Herz,_Ruth_Herz_Combahnstra%C3%9Fe_24_Bonn.JPG

Oscar Hoffmann war 19 Jahre alt und elternlos, als er von Köln aus nach Minsk deportiert wurde. Er machte beim Troisdorfer Fotografen Erwin Bernauer eine Lehre. Er schickte zwei Postkarten an die Familie seines Troisdorfer Ausbilders Erwin Bernauer, bei dem er eine Lehre zum Fotografen absolvierte:

„Lb. Familie Bernauer!

Wir sind hier zu 1.200 Personen in der Messehalle. Unser Transport geht morgen, Montag, 15 Uhr ab, wie es heisst nach Minsk in der Südukraine, um dort in der Landwirtschaft zu arbeiten. Es gibt in Russland zwei verschiedene Orte Minsk. Wir alle sind guten Mutes. Empfangen Sie nun noch meine herzl. Grüsse und vielen, vielen Dank für alles. Ihr Oscar. […]“

„Minsk, Donnerstag [richtig Freitag], den 24.7.42, morgens 7 Uhr

Meine lb. Familie Bernauer!

Nach 87 stündiger Fahrt sind wir gesund, munter u. guten Mutes hier in Minsk angekommen. In Wolhonye [gemeint ist Wolkowysk] sind wir aus unserem Kölner Zug in Viehwagen verladen worden. Wie es heisst, sollen wir gleich samt unserem Gepäck den Bahnhof verlassen, um in unser Lager eingewiesen zu werden. Man vermutet, dass wir in der näheren Umgegend v. Minsk bei Bauern in der Landwirtschaft eingesetzt werden. […]

Die Behandlung während der Fahrt von Seiten des Begleitpersonals war hervorragend, mangelnder war m[einer] A[nsicht nach] die schlechte Schlafgelegenheit im Zuge. In Personenwagen (Kölner Zug) waren wir zu 8 in Waggons eingeteilt. Nachdem wir in Wolhonye [Wolkowysk] umgeladen worden sind, lagen wir samt unserem Gepäck zu ca. 50 Menschen in einem Wagen. Unser mitgenommener Proviant ist bis jetzt noch nicht aufgegangen. Wie ich gerade höre, besteht eine gewisse Möglichkeit, dass wir in den hiesigen Betrieben in unseren Berufen arbeiten können. Wenn es Ihnen möglich ist, senden Sie mir bitte mein Zeugnis, da dies von Wert sein soll […]“[7]

Es fällt auf, dass Oscar Hoffmann sehr hoffnungsvoll war, sich sogar sein Zeugnis hat zuschicken lassen wollen, – aber noch bevor die Postkarte seine Empfänger erreichte, wurde er bereits in Blagowschtschina ermordet.

Blagowschtschina – eines der größten Mordfeldern in Europa

Die Lichtung im Wald von Blagowschtschina wird auch zum zentralen Erschießungsort für die noch lebenden Juden des Minsker Ghettos sowie für Insassen der Minsker Gefängnisse, darunter Partisanen- und Widerstandsverdächtige, zivile Geiseln oder einfach erkrankte Häftlinge. Diese Lichtung wurde im Zeitraum vom Mai 1942 bis Dezember 1943 zum größten Ort der Massenmorde in Minsk und der Umgebung. Der Massenmord wurde von den Angehörigen der Dienststelle des Kommandeurs der Sicherheitspolizei (KdS), welcher dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlinunterstand,organisiert.

Mit dem Ausbau der Zentren des industriellen Mordes, – wie unter anderem in Treblinka im Oktober 1942 – wird Malyj Trostenez als Zielort für Deportationen und Ermordung mitteleuropäischer Juden aufgegeben. Die Nutzung von Blagowschtschina als Erschießungsstätte wurde praktisch zeitgleich mit der Auflösung des Minsker Ghettos im Oktober 1943 eingestellt. Zwischen Ende Oktober und Mitte Dezember 1943 das Sonderkommando 1005-Mitte im Lager Malyj Trostenez stationiert. Unter Einsatz der Gefangenen aus den Minsker Haftanstalten öffnete das Kommando die Massengräber in Blagowschtschina, die verwesenden Leichen wurden mit Eisenhaken herausgehoben, gestapelt und verbrannt. Die Asche wurde auf der Suche nach Gold durchgesiebt. Zum Schluss der so genannten Enterdungsaktion wurden alle eingesetzten Zwangsarbeiter ermordet.[8]

Abb. 3: Die Außerordentliche Kommission bei der Öffnung eines vermutlichen Erschießungsgrabes im Juli 1944 in Blagowschtschina. Deren Mitglieder schauen Asche mit Knochenresten an. Quelle: Belorusskij gosudarstwennyj musej istorii Welikoj Otetschestwennoj wojny (Das Belarussische Museum des Großen Vaterländischen Krieges), Minsk.

Ende April bis Anfang Mai 1942, etwa zur gleichen Zeit, als die Deportationen wiederaufgenommen wurden, gründete die Dienststelle des KdS Minsk auf dem Gelände der ehemaligen Karl-Marx-Kolchose etwa drei Kilometer vom Waldstück Blagowschtschina entfernt einen Agrarbetrieb mit Ackerbau und Viehhaltung, um sich mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu versorgen. Dafür wurden Zwangsarbeiter vor allem unter den deportierten mitteleuropäischen Juden rekrutiert. Mit der Zeit entstanden auf dem SD-Gut Elemente der Infrastruktur eines Zwangsarbeitslagers wie Baracken, Werkstätten und Stacheldrahtzäune. Kranke wurden bei regelmäßigen Inspektionen ausselektiert und durch neue Arbeiter ersetzt. Die Lagerinfrastruktur und die Zwangsarbeiter wurden für die Lagerung und Sortierung der persönlichen Gegenstände der Ermordeten genutzt.In der unmittelbaren Nähe des Lagers lag das Waldstück Schaschkowka. Dort wurde Ende 1943 eine primitive Leichenverbrennungsanlage als Ersatz für den Erschießungsort in Blagowschtschina errichtet. Unter Mitwirkung von Kollaborateuren ermordete dort bis Ende Juni 1944 das Personal der Dienststelle des KdS Minsk Tausende, womöglich gar Zehntausende Insassinnen und Insassen der Minsker Gefängnisse. Ihre Leichen wurden anschließend gleich vor Ort verbrannt.Der ganze Trostenez-Komplex wurde durch den Kommandeur der KdS-Dienststelle Minsk betrieben.

Schließlich wurden am 29. und 30. Juni 1944, nur wenige Tage vor dem Eintreffen der Roten Armee, über 100 verbliebene Häftlinge des Arbeitslagers sowie einige Tausende Insassinnen und Insassen der Minsker Gefängnisse in der Scheune auf dem Gelände des Arbeitslagers erschossen und darin verbrannt. Zuletzt vernichtete man die Bauten des Lagers und seine Unterlagen.

Abb. 4: Aufnahme der Außerordentlichen Kommission von den Resten der Scheune mit den verkohlten Leichen hunderter Menschen. Diese Scheune ist der einzige Tatort in Malyj Trostenez, an dem den Tätern nicht gelungen ist, die Leichen von den Ermordeten komplett zu verbrennen. Quelle: Belorusskij gosudarstwennyj muzej istorii Welikoj Otetschestwennoj wojny, Minsk

Seitens der aktuellen Forschung werden aus den Täterakten heraus Rückschlüsse von Christian Gerlach auf 60.000 Tote in Malyj Trostenez gezogen, laut Petra Rentrop waren es weniger.[9]Die Ermittlung einer genaueren Zahl ist aufgrund der Beseitigung der Verbrechensspuren durch die Täter und angesichts der verschollenen Lagerunterlagen bzw. SD-Akten kaum möglich.

Der Weg zum Erinnerungsort

Am Ort der Massenerschießungen im Waldstück Blagowschtschinaentstand zunächst kein Gedenkort. Dort befand sich nach der Befreiung ein großräumiger Militärübungsplatz. In seiner unmittelbaren Nähe legte die Stadt Minsk 1958 eine Mülldeponie an. Offiziell begründet wurde das Fehlen einer Gedenkstätte in den 1950er Jahren zunächst mit Geldmangel. Schließlich entstanden Mahnmale in Malyj Trostenez (1961), in Bolschoj Trostenez (1963) sowie in Schaschkowka (1966). Die Aufschriften enthielten karge Angaben zu den Jahren der Vernichtung, 1941 bis 1944, und zur Opferzahl (201.500). „Friedliche Zivilisten“, Partisanen und sowjetische Kriegsgefangene wurden als Opfergruppen genannt.Problematisch war, dass die Inschrift auf dem Denkmal in Bolschoj Trostenez darauf verwies, dass es dem Gedenken an die gesamte Masse der in Trostenez Ermordeten diene, obwohl dieser Ort historisch gar nichts mit den Vernichtungsstätten zu tun hatte. Dies und die Tatsache, dass die Gedenkveranstaltungen hauptsächlich in Bolschoj Trostenez abgehalten wurden, schufen Voraussetzungen für ein Missverständnis, das in den darauffolgenden Jahrzehnten unaufgeklärt bleiben sollte: Bolschoj Trostenez erschien als der historische Ort, während Blagowschtschina zunehmend in Vergessenheit geriet.

Anfang 1990er-Jahre waren die Minsker Neubauten bereits dicht an das Gelände des ehemaligen Lagers Malyj Trostenez herangerückt. In den 1990er-Jahren, begannen ausländischen Touristinnen und Touristen das Gelände des ehemaligen Lagers bei Malyj Trostenez und die vergessene Vernichtungsstätte im Waldstück Blagowschtschina zu besuchen. Schließlich wurde Blagowschtschina als „vergessener NS-Tatort“ durch Experten und Öffentlichkeit „wiederentdeckt“. Daraufhin wurde der Ort unter Denkmalschutz gestellt und ein neuer nationaler Erinnerungsort ist entstanden.

Der erste Bauabschnitt der neuen postsowjetischen Gedenkanlage mit der SkulpturPforte der Erinnerung, einigen Fundamenten sowie mit Informationstafeln auf dem Gelände des ehemaligen Arbeitslagers wurde am 22. Juni 2015 eröffnet. Auf den Informationstafeln in der Gedenkanlage Trostenez werden die jüdischen Opfer in sowjetischer Tradition als „Zivilisten“ aus Minsk und Westeuropa bezeichnet, die Begriffe „Holocaust“ oder „Shoah“ kommen nicht vor. In der ersten Phase der Gestaltung der Gedenkanlage wurde also auf das Spezifische dieses Vernichtungsortes nicht eingegangen. In diesem Zusammenhang war die Schaffung der Wanderausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung“ in den Jahren 2014–2016 ein wichtiges Ereignis, die einen Überblick über die Geschichte dieses Vernichtungs- und Erinnerungsortes bietet. Einen großen Platz in der Ausstellung nimmt dabei die Ermordung der Juden aus dem Minsker Ghetto und der aus Mitteleuropa deportierten Juden.[10]Diese Wanderausstellung ist ein Ergebnis des internationalen Dialogs von Historikern aus Belarus, Deutschland, Österreich und Tschechien. Die Träger der Ausstellung sind das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund (IBB Dortmund), die Internationale Bildungs- und Begegnungsstätte „Johannes Rau“ Minsk (IBB Minsk) und die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Das Begleitprogramm zur Ausstellung umfasst Zeitzeugengespräche, Bildungsveranstaltungen für Schüler, Studierende und Lehrkräfte sowie runde Tische zur Erinnerungskultur an Kriegsopfer.

Der Verein Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn zeigte seinerseits im Februar 2019 im Rheinbacher Rathausfoyer die Ausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez – Geschichte und Erinnerung in Bonn“. Diese Ausstellung erklärte vor allem die Situation in Bonn während der nationalsozialistischen Herrschaft und zeigte Bonner Familien, die in Malyj Trostenez ermordet wurden.[11]

Der zweite Bauabschnitt der neuen postsowjetischen Gedenkanlage wurde аm 29. Juni 2018 eröffnet, als die feierliche Einweihung der Gedenkanlage in Blagowschtschinain Anwesenheit des belarussischen Präsidenten Aleksandr Lukaschenko, des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und des österreichischen Bundespräsidenten Alexander van der Bellen sowie weiterer politischer Repräsentanten aus Tschechien und Polen stattfand. Dieser Abschnitt schloss zwei Projekte ein, nämlich den Gedenkfriedhof Blagowschtschina von Minskprojektund Den Weg des Todesvon belarussischen Architekt Leonid Levin in Blagowschtschina. 

Abb. 5: Fundstücke auf der Lichtung im Wald Blagowschtschina. Aliaksandr Dalhouski

Vor dem Hintergrund, dass der Wald von Blagowschtschinaneben Auschwitz-Birkenau zu jenen Orten zählt, wo die meisten österreichischen Juden ermordet wurden, gründete die Wienerin Waltraud Barton, deren Angehörige unter diesen Opfern waren, 2009 die Bürgerinitiative IM-MER (Abkürzung für Initiative Malvine — Maly Trostinec Erinnern) in Österreich. Ihre Vertreterinnen und Vertreter bringen seit 2010 gelbe Schilder mit Fotos und Namen der Ermordeten in direkter Nähe zum Erschießungsort in Blagowschtschinaan. Die Schule aus Bolschoj Trostenez sowie Angehörige von deportierten und ermordeten Jüdinnen und Juden aus Deutschland haben sich der Initiative angeschlossen. Die von der Wiener Initiative IM-MER angebrachten gelben Schilder mit Fotos und Namen der Ermordeten wurden dabei zu einer Art Verbindungselement zwischen den beiden Projekten in Blagowschtschina.[12]

Abb. 6: Das Schild in Erinnerung an den Transport mit der Bezeichnung 219 vom 20. Juli 1942 nach Minsk/Malyj Trostenez im sogenannten Wald der Namen in Blagowschtschina. Es wurdevon dem Arbeitskreis Lern- und Gedenkort Jawne (Köln) im Juni 2014 aufgehängt. Juden aus Bonn sind dabei als Jüdische Frauen, Männer Jugendliche und Kinder aus dem Kölner Umland erwähnt. Aliaksandr Dalhouski

Der Weg des Todes von Leonid Levin thematisiert explizit jüdische Opfer und soll mit stilisierten Waggons und Koffer-Skulpturen[13]an die über 23.000 deportierten Juden aus dem Westen erinnern. Die Übernahme des Entwurfs von Levin durch die Stadt sowie die Einbindung der gelben Schilder mit Fotos und Namen der Ermordeten im Wald Blagowschtschina können als ein Erfolg für belarussische, deutsche und österreichische Akteurinnen und Akteure der Zivilgesellschaft bezeichnet werden.

Derzeit markieren die symbolischen Erschießungsgräben in Blagowschtschina, deren Umrisse nach der Karte der „Minsker Gebietskommission zur Unterstützung der Außerordentlichen Staatlichen Kommission der UdSSR“ im Jahr 1944 festgelegt wurden, die Topografie des Terrors in Blagowschtschina. Die Errichtung der Gedenkanlage ist zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Textes nicht abgeschlossen. So ist der dritte Bauabschnitt mit der Gestaltung der ehemaligen Vernichtungsstätte in Schaschkowka, an der Menschen vom Oktober 1943 bis Juni 1944 massenweise ermordet wurden, noch nicht umgesetzt. EinezentraleAufgabe in naher Zukunft ist es, die Bildung von MalyjTrostenezin Form eines Informations-/Dokumentationszentrums am historischen Ort zu etablieren. 

Die pädagogische Funktion – Exkursionen und Workshops – zum Thema Holocaustin Malyj Trostenez und Minsker Ghetto wird derzeit teilweise vom belarussisch-deutschen Projekt Geschichtswerkstatt Minskerfüllt. Die Geschichtswerkstattist ein belarussisch-deutsches Projekt, das im Jahre 2002 durch das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund, die Internationale Bildungs- und Begegnungsstätte „Johannes Rau“ Minsk und den Verband der belarussischen jüdischen Organisationen und Gemeinden ins Leben gerufen wurde. Die Geschichtswerkstatt befindet sich in einem historischen Gebäude auf dem Gelände des ehemaligen Minsker Ghettos, das ein Lernen aus der Geschichte an authentischen Orten ermöglicht.


[1]Dieser Artikel hat den gleichen Titel mit der Wanderausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung”. Mehr Information über diese Ausstellung findet man weiter in diesem Artikel.

[2]Vgl. Gerlach: Kalkulierte Morde, S. 625.

[3]Ebd., S. 694.

[4]https://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/stadt-bonn/ausstellung-zur-deportation-der-bonner-juden_aid-43537237. Stand 10.06.2020.

[5]Dieter Corbach: 6.00 ab Messe Köln-Deutz. Deportationen 1938-1945, Köln 1999, S. 157-172.

[6]https://www.rheinbacher.de/news-und-nachrichten/aus-dem-rathaus/3784-malyj-trostenez-toetungsort-fuer-viele-juden-aus-bonn-und-umgebung. Stand 10.06.2020.

[7]http://zeitzeugenarchiv.gwminsk.com/de/archiv/koln/hoffmann-oscar.Stand 19.06.2020.

[8]Vgl. Andrei Angrick: „Aktion 1005“ – Spurenbeseitigung von NS-Massenverbrechen 1942-1945. Eine „geheime Reichssache“ im Spannungsfeld von Kriegswende und Propaganda, Göttingen 2018, Bd. 1, S. 563-582.

[9]Vgl. Gerlach: Kalkulierte Morde, S. 770; Vgl. Rentrop:Tatorte der „Endlösung“, S. 227.

[10]Das Projekt zur Schaffung der Wanderausstellung wurde vom deutschen Auswärtigen Amt und ihre Präsentation in Deutschland, Belarus, Tschechien, Österreich und der Schweiz aus den Mitteln des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. gefördert. Ergänzend zur Schau wurde mit Unterstützung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ ein Ausstellungskatalog auf Russisch und Deutsch erstellt.

[11]https://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/stadt-bonn/ausstellung-zur-deportation-der-bonner-juden_aid-43537237

[12]Vgl. Aliaksandr Dalhouski, “Zur Transformation des sowjetischen Gedenkortes bei Malyj Trostenez in einen gesamteuropäischen Erinnerungsort,” in: Das Massiv der Namen. Ein Denkmal für die österreichischen Opfer der Shoa in Maly Trostinec, Pia Schölnberger, Bundeskanzleramt Österreich (Hrsg.), Wien 2019.

[13]Das architektonische Element von Lewins Projekt „Waggons“ blieb ohne Namen, auch wurden die Skulpturen bisher nicht aufgestellt.