Gedenkvereine und Erinnerungsgemeinschaften aus der ehemaligen Sowjetunion in Köln und Düsseldorf

von Maria Timofeeva

Im Bundesland Nordrhein-Westfalen gab es während des Zweiten Weltkrieges mehrere Durchgangslager für Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Diese nach Deutschland deportierten Menschen aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion wurden an die lokalen Unternehmen dieser wichtigen Industrieregion verteilt. Heute zeugen viele sowjetische Grabstätten von Ausbeutung und Gewalt an den sowjetischen Soldaten und Zivilisten. 2015 konstituierte sich hier eine Erinnerungsgemeinschaft der russischsprachigen Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Initiativgruppe weitete sich bald  zu einer großen Gemeinschaft unter den Namen „Gedenken“ aus. Deren Mitglieder begannen gemeinsam die sowjetischen Gräber zu pflegen, nach den Namen vermisster Sowjetbürger zu recherchieren und sämtliche Kriegsgedenktage feierlich zu begehen.

Zurzeit gibt es in Nordrhein-Westfalen zwei offizielle gemeinnützige Organisationen, nämlich „Gedenken e.V. (Pamjatj)“ (Düsseldorf) und „Erinnerung für die Zukunft e. V.“ (Köln). 2018 wurde „Gedenken“ in zwei identische Gesellschaften aufgeteilt, da ihre Mitglieder vor Ort arbeiten wollten.1 Ende Januar – Anfang Februar 2020 sprach ich mit den Vertretern dieser Organisationen über ihre Tätigkeit.

Interview mit Natalja Tustanovskaja, der Vorsitzenden des Vereines „Erinnerung für die Zukunft e. V.“ in Köln2

Erzählen Sie über die Entstehungsgeschichte Ihrer Organisation. Womit haben Sie angefangen?

Unser Verein wurde als ein Interessenverband 2015, zum 70. Jahrestag des Sieges gegründet. Eine meiner Bekannten lud mich zu einem Treffen von Landsleuten ein, um gemeinsam den Tag des Sieges, den 9. Mai, zu feiern. Sie wusste, dass ich mich um die sowjetische Grabstätte in Hürth in der Nähe kümmerte und mich mit der Suche und Rekonstruktion der Namen sowjetischer Kriegsopfer befasste. So trafen wir uns als eine kleine Gruppe zu viert und feierten gemeinsam den 9. Mai. Damals gab es in der Gruppe nicht so viele Mitglieder, eigentlich bestand sie nur aus unserem engsten Freundschaftskreis. Das erste Treffen war sehr interessant und verlief in freundlicher Atmosphäre. Danach entschieden wir uns, uns häufiger zu treffen, wir kümmerten uns gemeinsam um Friedhöfe und suchten nach neuen sowjetischen Gräbern. Bald zeigten mehr Menschen Interesse für unsere Aktivitäten und wir entwickelten uns zu einer größeren öffentlichen Organisation. 2018 haben wir uns aus praktischen Gründen in zwei Organisationen aufgeteilt: es gab zu viele Teilnehmer und viele wollten vor Ort arbeiten. So blieb ein Teil in Düsseldorf und der andere Teil – in Hürth und Köln. Die Gruppe in Düsseldorf heißt „Gedenken e.V. (Память)“, und unsere Organisation trägt den Namen „Erinnerung für die Zukunft e. V.“ (Память ради будущего). Im März 2019 wurde unser Verein als offizielle gemeinnützige Organisation registriert. Wir haben den ursprünglichen Namen etwas geändert, damit unsere Vereine unterschieden werden könnten. Unsere Aufgaben und Tätigkeit blieben jedoch ähnlich.

Erzählen Sie von Ihrer persönlichen Motivation. Welche Bedeutung hat für Sie die Arbeit in Ihrem Verein?

Mein Großvater war ein Soldat, er hat den ganzen Krieg vom Anfang bis zu Ende erlebt, ist 1945 bis nach Berlin gekommen. Für mich sind diese Erinnerungen heilig. Ich wurde mit den Idealen der Wertschätzung des Sieges erzogen: sowohl meine Schullehrer, als auch mein Großvater und meine Großmutter haben Patriotismus in mir geweckt. Alle meine Kinder (ich habe vier) besuchen die von uns organisierenden Feiertage und Veranstaltungen sehr gerne und respektieren das Thema des Krieges. Ich selbst nehme auch am Unsterblichen Regiment teil.3 Für mich hat es eine heilige Bedeutung. Als man mir vor fünf Jahren erzählte, dass es in der Nähe meines Hauses einen Friedhof mit sowjetischer Grabstätte gibt, sind wir mit meinem Mann sofort dorthin gefahren, haben die Grabsteine ​​gereinigt und Blumen gepflanzt. Jetzt machen wir das jeden Frühling.

Wie viele aktive Mitglieder gibt es im Verein? Wie werden die Pflichten aufgeteilt? Mit welchen anderen Organisationen arbeiten Sie zusammen?

Die ständige Mitgliedschaft in der Organisation haben derzeit 12 Personen, und unsere Gruppe der ehrenamtlichen Helfer umfasst 56 Leute. Jedes aktive Mitglied der Organisation ist für einen bestimmten Arbeitsbereich verantwortlich. Zum Beispiel ist Nina Fjodorovna für Konzerte und Kulturwettbewerbe zuständig, Irina Timofeeva – für die Öffentlichkeitsarbeit und die Organisation des Unsterblichen Regiments. Ich befasse mich mit der Archivarbeit: ich suche nach Informationen über in Deutschland verstorbene sowjetische Leute, denn manchmal bekommen wir aus Russland Anfragen von ihren Verwandten. Außerdem bin ich die Vorsitzende unserer Gesellschaft und verantwortlich für die Abhaltung von Feiertagen an denkwürdigen Daten des Zweiten Weltkrieges.

Unsere Organisation vereint verschiedene Menschen. Zum Beispiel hilft uns Vater Viktor, der Priester der Hl.-Konstantin-und-Helena-Kirche in Köln, sehr aktiv: er hält Trauergottesdienste für die sowjetischen Gefallenen ab. Ein aktives Mitglied der Gemeinde ist auch Politiker Andreas Maurer, er ist gebürtiger Russe, lebt aber seit langem in Deutschland. Die Parteizugehörigkeit der Mitglieder ist für uns aber nicht wichtig, wichtig sind der Mensch selbst, seine Motivation und seine Werteprioritäten. Unter den Teilnehmern unserer Veranstaltungen gibt es auch Mitglieder von Kosakenorganisationen sowie die Blokadniki.4 Die Finanzierung organisieren wir auf eigene Regie. Nachdem unser Verein offiziell registriert ist, zahlt man aber die gewöhnlichen Mitgliedsbeiträge – 30 Euro jährlich. Zu den Organisationen, die uns unterstützen, gehört beispielsweise „Zusammenarbeit mit Osteuropa e. V.“5. Sie existiert schon seit mehr als 20 Jahren und engagiert sich für die Unterstützung und das Zusammenbringen von Aussiedlern aus dem östlichen Europa. Wir arbeiten auch mit kulturellen Organisationen und Kollektiven zusammen, zum Beispiel mit dem russisch-deutschen Chor „Ivuschka“. Selbstverständlich haben wir auch Kontakte zu der russischen Botschaft und zum russischen Konsulat in Bonn. Sie sind uns immer behilflich und begleiten unsere Veranstaltungen. Zum Beispiel haben wir mit deren Unterstützung die Feier von „100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs“ am 11. November 2018 organisiert.

Welche Daten sind für Sie von besonderem Wert?

Alle Daten, die mit den Ereignissen des Großen Vaterländischen Krieges verbunden sind, sind uns wichtig. Neben dem 9. Mai organisieren wir auch Veranstaltungen am 22. Juni und dem 8. Mai, am Tag der Erinnerung an den unbekannten Soldaten am 3. Dezember6, am Tag der Aufhebung der Belagerung von Leningrad am 27. Januar.7 In diesem Jahr, ebenfalls am 27. Januar, haben wir zum ersten Mal Veranstaltung zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust durchgeführt. 2018 wurde ein Trauergottesdienst zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs abgehalten.

Gab es irgendwelche Schwierigkeiten bei der Gründung der Organisation oder bei der Durchführung von Veranstaltungen?

Es gab keine Schwierigkeiten. Wir machen unsere Veranstaltungen seit vielen Jahren und wurden niemals von den deutschen Behörden behindert. Nur einmal gab es einen Verbot: als wir das Unsterbliche Regiment zum ersten Mal organisierten, wollten wir auch ein Autokorso durchführen. Die deutsche Polizei forderte die Teilnehmer auf, dass die russische Soldatenuniform sowie die russische Fahne nicht gestattet sind. Die Fahnen der ehemaligen Sowjetrepubliken sind aber erlaubt. Ich glaube, man muss sich vom Anfang an positiv bewähren, ohne politische Plakate oder Aufrufe. Normalerweise benutzen wir Banner mit den Slogans unserer Organisation und Plakate mit der Losung „Gegen Nazismus“ usw.

Auf welchen Friedhöfen organisieren Sie Ihre Veranstaltungen? Nach welchem ​​Prinzip wird der Ort gewählt?

Wir machen das überall, wo es sowjetische Bestattungen gibt. Meistens aber in Köln-Porz und Köln-Urbach. Wir wählen Plätze, die für alle leicht erreichbar sind. Sie müssen mit den Parkplätzen ausgestattet sein, sowie es soll in der Nähe eine Wiese für Konzerte und Teestunde geben. Wir haben niemals einen bestimmten Ort bevorzugt, denn überall liegen die sowjetischen Leute. Nur den Tag des unbekannten Soldaten (3. Dezember) organisieren wir traditionell in Hürth, da hier 106 sowjetische Kriegsgefangene begraben sind – in dieser Gegend ist das die größte Soldatenbestattung.

Wie sehen die Veranstaltungen zu den Gedenkdaten des Zweiten Weltkriegs normalerweise aus?

Der erste Teil der Veranstaltung ist offiziell, wir sprechen über das historische Ereignis, dem sie gewidmet ist, es wird ein Trauergottesdienst abgehalten, die Vertreter der russischen Botschaft halten ihre Reden. Danach folgt ein inoffizieller Teil, nämlich die Teestunde, verschiedene Wettbewerbe, Konzerte.

Was planen Sie dieses Jahr zum 9. Mai zu organisieren?

Im Zentrum von Köln werden die Gedenkaktion „Das Unsterbliche Regiment“ und ein Galakonzert stattfinden. Auf einem der Stadtfriedhöfe legen wir die Blumen nieder und halten den Gedenkgottesdienst ab.8 

Welche Symbole sind für Sie wichtig?

Natürlich ist das Georgsbändchen9 als universelles Symbol des Sieges auf allen unseren Veranstaltungen unabdingbar. Wir haben auch Fahnen aller Sowjetrepubliken. Für „das Unsterbliche Regiment“ bereiten die Teilnehmer Schilder mit Fotos ihrer Familienangehörigen aus dem Krieg vor. Von der Hl.-Konstantin-und-Helena-Kirche in Köln haben wir auch das orthodoxe Kreuz geschenkt bekommen. Wir bestellen auch Banner mit den Slogans unseres Vereines, zum Beispiel: „Erinnerung ist stärker als die Zeit!“ oder „Gegen Nazismus!“

Was die Uniform anbetrifft, tragen die Teilnehmer natürlich keine zeitgenössischen Militäruniformen, sondern nur die aus der Zeit des „Großen Vaterländischen Krieges“.10 Die Kosaken ziehen ihre Uniformen an. Aber die meisten Leute kommen zivil gekleidet.

Haben Sie eine bestimmte Zielgruppe in Ihrer Tätigkeit? Für wen in erster Linie werden die Veranstaltungen organisiert? Zeigt die lokale deutsche Bevölkerung auch Interesse dafür?

Wir machen keine Unterschiede zwischen Russen, Belorussen, Kasachen und Ukrainern. Wir haben eine gemeinsame Vergangenheit, wir kämpften gegen den gemeinsamen Feind. Jeder von uns liebt seine Heimat, und das verbindet uns. Wenn ein Krieg ausbricht, werden alle, sowohl Weißrussen, als auch Ukrainer, aufstehen und nach bestem Wissen und Gewissen zusammen arbeiten, um ihre Heimat zu verteidigen.

Von der deutschen Seite kommen manchmal neugierige Menschen. Noch niemand hat etwas Schlechtes gesagt, sondern gehen die Leute mit Interesse vorbei, stellen Fragen. Es gibt noch nicht so viele aktive Menschen, aber wir haben schon einige reguläre Teilnehmer. Grundsätzlich sind das Menschen mittleren oder hohen Alters. Einmal kamen Interessierte aus Koblenz und Dortmund. Für unsere Tätigkeit interessieren sich unter anderem einige deutsche Organisationen, wie z. B. die Friedensbrücke-Kriegsopferhilfe e. V.11 Am 23. Februar 2019 besuchten wir auf Einladung des Generalkonsulats der Russischen Föderation in Bonn das Denkmal für sowjetische Soldaten in Bonn-Duisdorf und haben am Gedenkritual  teilgenommen, die Blumen niedergelegt. An der Veranstaltung nahm auch ein Verband deutscher Reservisten teil, die den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.12 vertreten haben. Die Blumenverlegung erfolgte unter der Losung „Versöhnung und Frieden über die Gräber der deutschen und russischen Soldaten“. Der Tag verlief in freundlicher Atmosphäre. Die überwiegende Mehrheit der Mitglieder unserer Organisation spricht jedoch nur Russisch. Wir haben Leute, darunter ätere Frauen und Männer, die überhaupt kein Deutsch sprechen oder die Sprache nicht so gut verstehen, und alle unsere Veranstaltungen sind daher auf Russisch.

Als die Stellvertreterin des Oberbürgermeisters der Stadt Köln Elfi Scho-Antwerpes und der speziell eingeladene katholische Priester bei uns eine Rede gehalten haben, stellten wir natürlich einen Übersetzer ein. Aber das jedes Mal zu tun ist unpraktisch. Für die Durchführung der Veranstaltungen auf Deutsch brauchen wir einen Menschen, der beide Sprachen ausgezeichnet spricht und weiß, was der „Große Vaterländische Krieg“ bedeutet. Aber das ist nicht so einfach, hier müsse man gut ausgebildet und geschult sein

Wäre es möglich, etwas Gemeinsames zu organisieren, einen russisch-deutschen Gedenkfeiertag?

Warum nicht? Das ist sehr interessant. Aber man muss die Feier so gestalten, damit sie für alle interessant wird. Junge Deutsche können von unseren Jugendlichen motiviert werden. Unsere Jugend z. B. ist von dem interaktiven Teil der Veranstaltungen sehr angetan: jeder mag das Autokorso, die Jungs tragen sowjetische Uniformen und halten die Fahnen der Sowjetrepubliken sehr gerne. Für sie ist das ein Abenteuer. Das Interesse kann mit eigenem Beispiel, mit eigener Aufrichtigkeit geweckt werden.

Kann der russische Kriegsdiskurs von den Deutschen verstanden werden?

Weder unsere Nachkriegsgeneration, noch die heutigen Deutschen müssen sich dafür, was geschehen ist, entschuldigen. Niemand soll sich heute für die Gräueltaten der Nazis verantwortlich fühlen, aber gleichzeitig haben wir kein Recht, die Verbrechen zu vergessen. Daher ist es notwendig, über den Irrtum der Ideen des Faschismus und des Nazismus zu sprechen.

Warum organisieren wir das Unsterbliche Regiment? Bestimmt nicht, um die Deutschen zu beleidigen. Unser Ziel ist, die Leute daran zu erinnern, dass unsere Großväter das schreckliche unmenschliche System, den Nationalsozialismus, besiegt haben. Nicht die Deutschen wurden besiegt, nicht das deutsche Volk, sondern Nazismus und Faschismus. Sogar in unserer sowjetischen Armee gab es Deutsche, bzw. deutsche Kommunisten. Es ist notwendig, diese Ideen der jungen Generation der Deutschen zu vermitteln, dann werden sie keinen Schuldkomplex haben und werden unseren Ereignissen nicht skeptisch gegenüberstehen. Man wurde gezwungen, in den Krieg zu ziehen, nicht alle waren Nazis. Wenn man den Leuten erklärt, wie alles war, haben sie eine andere Einstellung zu dem, was wir machen.

Mein Großvater Ivan Trofimovič Efremenko hat über die Kriegszeit viele interessante Geschichten erzählt. Einmal verhafteten die sowjetischen Soldaten einen deutschen Spion, und mein Großvater wurde angewiesen, ihn im Wald zu erschießen. Doch er konnte das nicht übers Herz bringen. Er schoss in die Luft und sagte zu dem Deutschen: „Geh!“. Der Deutsche wollte sofort fliehen, kehrte dann aber zurück und schenkte meinem Opa seine Armbanduhr. Später, als er schreckliche Hungersnot erlebte, wechselte er diese Uhr auf dem Basar fürs Essen. Der Großvater rettete den Deutschen und er rettete ihn. Und meine Großmutter erzählte mir, dass die einfachen Wehrmachtssoldaten, die in ukrainischen Dörfer einmarschierten, haben die sowjetischen Kinder auf die Knien gesetzt, sie umarmt und geweint, da sie selbst ihre Familien zu Hause gelassen haben. Sie haben sogar Brot mit ihnen geteilt. Einfache Menschen waren nicht verbittert. Aber als die SS-Truppen vorrückten, floh die Bevölkerung und versteckte sich in den Wäldern, weil sie niemanden verschonten und alles auf ihrem Weg verbrannten.

Warum haben Sie Ihren Verein „Erinnerung“ genannt?

Wir müssen uns an den Krieg erinnern, damit es ihn in der Zukunft nicht mehr gibt. Man darf nicht vergessen, was geschehen ist, denn Faschismus und Nazismus sind schrecklich. Wir erinnern uns an die Kriegsvergangenheit und wollen nicht, dass etwas Ähnliches nochmal passiert. Deshalb trägt der Verein diesen Namen: „Erinnerung für die Zukunft“.

Welche Lehre kann die junge Generation in Russland aus dem Krieg ziehen?

Den Frieden schätzen und dass wir alle aus der Sowjetunion stammen.13

Wie würden Sie Ihre Organisation charakterisieren? Ist das ein historischer oder eher ein Kulturverein?

Ich würde sagen, dass wir eher eine kulturelle Organisation sind: es hat keinen Sinn, ein Jahr lang über dieselben Daten zu sprechen, oder? Wir versuchen, unsere Veranstaltungen abwechslungsreich zu gestalten, um Interesse zu wecken. Neben der Namenssuche von Menschen aus der Sowjetunion und dem Organisieren von Gedenkfeiertagen machen wir z. B. thematische Führungen im Hitlers Bunker in Köln14, organisieren verschiedene Wettbewerbe und Festivals. Wir bringen Menschen zusammen. Unsere Organisation kämpft gegen Faschismus und Nazismus. Unsere Aufgabe ist, die mögliche Verbreitung der Ideen der Nationalsozialisten zu verhindern. Zu diesem Zweck machen auch wir kulturelle Veranstaltungen und helfen verschiedenen Menschen, damit alle zusammen und befreundet sind. Zum Beispiel feiern wir die Fastnacht. Am Silvesterabend gaben wir ein Konzert im russischen Konsulat in Bad Godesberg. Am 7. Dezember 2019 haben wir ein Kinderfest vorbereitet. Viele Leute sind gekommen und es hat allen sehr gut gefallen. Gemeinsam feiern wir auch den 8. März und andere gesetzliche russische Feiertage. Wir singen, spielen, kochen zusammen und denken an unsere Jugend zurück.

Wir beschäftigen uns auch mit humanitärer Hilfe und sammeln die Bedarfsgüter für die Bevölkerung in Donbass15 und Lugansk.16 In Deutschland helfen wir den Kindern, die aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zur ärztlichen Behandlung nach Deutschland gekommen sind. Wir helfen Familien neuer Aussiedler, sich an einem neuen Ort wohl zu fühlen: manchmal übernehmen unsere Mitglieder die Schirmherrschaft über diese Familien. In unserem Verein haben wir auch Blokadniki und einsame alte Leute – wir leisten mögliche Hilfe für alle.

Ein weiterer wichtiger Bereich Ihrer Tätigkeit neben der Organisation von Gedenkveranstaltungen ist die Wiederherstellung der Namen der in Deutschland verstorbenen sowjetischen Bürger. Erzählen Sie von Ihren Arbeitsmethoden. Wie suchen Sie nach diesen Namen?

Meine Aufgabe ist es zunächst, die korrekte Schreibweise für die Namen der hier begrabenen  Sowjetbürger zu rekonstruieren und nach ihren Verwandten zu suchen.

Wenn der Name bekannt ist, öffne ich zunächst die elektronische Datenbank des russischen Archiv OBD-Memorial.17 Das ist ein elektronisches Archiv, das Informationen über die sowjetischen Militärangehörigen besitzt, die während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit gestorben sind. Zuerst suche ich diese Person hier. Die Schwierigkeit besteht darin, dass viele Kriegsgefangene keine Personalkarten haben, und das heißt, es ist nicht bekannt, wo diese Person begraben wurde. Um sicher zu sein, wende ich mich daher an die örtlichen deutschen Stadt- oder Kirchenarchive, z. B. an das Stadtarchiv Hürth. Nachdem unsere Organisation offiziell registriert ist, ist es für uns viel einfacher geworden zu arbeiten, da wir jetzt freien Zugang zu den Dokumenten haben. In den deutschen Archiven gibt es Listen von Personen, die auf örtlichen Friedhöfen begraben sind. So suche ich nach den Übereinstimmungen. Gleichzeitig findet man in den deutschen Archiven viele neue unbekannte Namen, die jedoch in lateinischer Sprache und häufig fehlerhaft geschrieben sind. Das Finden dieser Namen und die Korrektur der Rechtschreibfehler ist eine lange und mühsame Arbeit. Außerdem wurden viele Dokumente während des Krieges, der Bombenangriffen oder der Besetzung vernichtet oder verloren gegangen.

Nachdem ich die korrigierte Namensliste zusammengestellt habe, sende ich sie zur Überprüfung an die russische Botschaft in Berlin. Nach der Überprüfung werden die korrigierten Listen an die örtliche Stadtverwaltung gesendet, damit diese mit der Erstellung eines Obelisken zum Gedenken an die Opfer beginnen kann. Wenn die lokalen Behörden keine Mittel für die Grabstätte finden, kann man selber Spenden sammeln. Das wichtigste ist, die Erlaubnis für deren Erstellung zu bekommen.

Wie sieht die Suche nach den Verwandten der Verstorbenen aus?

Wir arbeiten hauptsächlich über soziale Netzwerke. Das erfordert Ausdauer, insbesondere wenn eine Person einen sehr verbreiteten Nachnamen besitzt. Wir suchen die Verwandten natürlich nicht nur in Russland. Einmal haben wir zum Beispiel eine Anfrage nach Aserbaidschan geschickt. Wenn es uns gelingt, die Angehörigen zu finden, und sie wollen nach Deutschland kommen, stellt die deutsche Botschaft ihnen ein kostenloses Visum für ein paar Tage für den Besuch der Grabstätte aus. Unsererseits können wir sie vor Ort gerne begleiten.

Was planen Sie für die Zukunft?

Mit der Zeit wollen wir einen einheitlichen Katalog erstellen, wo die Adressen von Friedhöfen mit sowjetischen Bestattungen für das gesamte Land Nordrhein-Westfalen aufgeführt werden, damit diejenigen, die sie besuchen möchten, sich leichter orientieren. Wir haben viele Kontakte zu unseren Landsleuten in Deutschland und bitten sie, uns die Informationen über lokale sowjetische Grabstätten zu senden. Sie fotografieren die Gräber, den allgemeinen Friedhofsplan und senden uns die genaue Adresse und den Weg zu diesem Ort. Heutzutage besitzen wir Informationen über 25 Städte.

Interview mit Aleksandr Rossolaj und Sergej Besler, dem Vorsitzenden und dem stellvertretenden Vorsitzenden des Vereines „Gedenken e.V. (Память/Pamjatj)“ in Düsseldorf18

Erzählen Sie von Ihrer Organisation. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sie zu gründen? Wie hat Ihre Tätigkeit begonnen?

Aleksandr: Schon seit fünf Jahren veranstaltet unsere Gesellschaft aktiv Feiertage im Bundesland Nordrhein-Westfalen, hauptsächlich in Düsseldorf und Köln, zum Tag des Sieges, zum Tag des unbekannten Soldaten (3. Dezember), zum Tag der Erinnerung und der Trauer (22. Juni) und zu anderen Gedenktagen. Eine weitere Aufgabe der Organisation ist die Suche nach den vergessenen Namen sowjetischer Soldaten und Kriegsgefangenen, die im Zweiten Weltkrieg in Deutschland gestorben sind.

Sergej: Für mich begann alles, als ich 2015, am 70. Jahrestag des Sieges, herausgefunden habe, dass es in Köln-Porz ein Grab mit dem sowjetischen Stern gibt, also die sowjetische Grabstätte.19 Ich dachte damals, dass ich den Feiertag mit meinen Landsleuten feiern könnte. Ich rief alle meine Freunde an, wir kauften fliederfarbige Luftballons (mit Flieder begrüßt man traditionell den Mai) und am Ort ließen wir sie in die Luft steigen. Damals sind 20 Leute zusammengekommen, allen hat das Treffen gefallen. Nach einer Weile traf ich Aleksandr Rossolaj, der in Düsseldorf ähnliche Tätigkeit ausübte, und wir haben beschlossen, eine öffentliche Organisation zu gründen. Im Gegensatz zu vielen anderen Interessenverbänden hatten wir von Anfang an die Vergrößerung unserer Organisation im Blick und wollten mehr Menschen anlocken. Und schon damals hatten wir die Idee, Menschen zu motivieren, ähnliche Veranstaltungen in den anderen Städten Deutschlands durchzuführen, denn das ist für uns etwas Selbstverständliches. Man muss die Geschichte kennen.

Aleksandr: Am Anfang haben wir beschlossen, uns gemeinsam um sowjetische Bestattungen zu kümmern und Blumen dort niederzulegen. Ab und zu rufen wir zu freiwilligem Arbeitseinsatz auf, um vergessene Gräber sauber zu machen. Diese Arbeit bringt uns moralische Genugtuung, die Leute fühlen sich besser, weil sie verstehen, dass sie etwas Gutes getan haben. Man fühlt sich so, als ob man zur Wahrheit, zu etwas Ewigem näher gekommen sei.

Offiziell gibt es unsere Gesellschaft seit einem Jahr. Im Oktober 2018 haben wir uns dem Verband von 15 Organisationen NDMO in Düsseldorf angeschlossen. Dabei hat uns die russisch-deutsche Organisation „Kin-Top Förderungszentrum e.V.“20 unterstützt. Das hat uns auf ein neues Niveau gebracht – jetzt sind wir keine lokale russischsprachige Gruppe mehr, sondern eine internationale Organisation, die zusammen mit anderen Auswandererverbänden öffentliche Aufmerksamkeit bekommt. Warum haben wir beschlossen, unsere Organisation offiziell zu registrieren? Wir haben eingesehen, dass bei der Durchführung unserer Gedenkveranstaltungen die Regelmäßigkeit am wichtigsten ist, da sie die Tradition hervorbringt. Jetzt haben wir mehr Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. Heute besteht die aktive Gruppe unserer Organisation aus 30 Personen, und insgesamt gibt es etwa 60 Personen in der Gesellschaft. Alle diese Leute sind unsere Freunde, wir feiern zusammen auch andere Feiertage, wie das Neujahr, den 23. Februar21, den 8. März.22 Was das Alter unserer Teilnehmer anbelangt, handelt es sich um Personen im Alter von 30 bis 60 Jahren. Das älteste Mitglied unserer Organisation ist 72 Jahre alt. Alle Veranstaltungen werden von Spenden finanziert und auf eigene Regie gesammelt.

Erzählen Sie über Ihre persönliche Motivation.

Aleksandr: Ich lebe schon seit 20 Jahren in Deutschland und habe festgestellt, dass es in den letzten Jahren immer mehr zwischenstaatliche Konflikte gibt, die sich auch auf die Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und Deutschland auswirken. Das Russlandbild ist in den letzten Jahren in den deutschen Medien negativ geworden. Diese Konflikte erschweren das gegenseitige Verständnis. Ich bemerkte, dass die Vergangenheit ins Vergessen gerät, dazu kommen viele negative Nachrichten in den Massenmedien, Fakten aus der Geschichte werden verzerrt. So habe ich mich entschieden, etwas dagegen zu machen, die Erinnerungstradition und die historische Wahrheit zu schützen.23

Welcher Bereich Ihrer Tätigkeit ist für sie am wichtigsten? Machen sie etwas neben der Organisation von Gedenkveranstaltungen?

Sergej: Eines unserer Ziele ist es, nach den Namen der Sowjetbürger in Massengräbern in Deutschland zu suchen und eine Registrierungskarte auszustellen, um sie zu verewigen. Dazu muss man zuerst das Archiv aufsuchen, Bestattungslisten finden, Rechtschreibfehler in den Namen korrigieren (die Namen müssen korrekt ins Kyrillische übersetzt werden). Und am Ende muss man den Antrag auf die Erstellung eines neuen Obelisken an die Stadtverwaltung schicken. Diese Arbeit ist vom großen Wert, da sonst die Gefahr besteht, dass der Ort der längst vergessenen Bestattung der Sowjetbürger für neue Gräber genutzt wird. Manchmal können sogar die Einheimischen nicht genau sagen, wo man diese Gräber suchen muss. Selbst wenn wir nicht alle Namen finden, sollte jeder verewigt werden – auch wenn auf dem neuen Grabstein nur die Aufschrift „unbekannt“ stehen wird. Die auf dem Grab angegebene Zahl der Todesopfer wird ganz anders wahrgenommen, dabei besteht eine Entpersonifizierung dieser Menschen. Gleichzeitig ist es schwierig, Leute zu finden, die in Archiven arbeiten wollen.  Diese Arbeit  erfordert viel Zeit und Mühe.

Die weitere praktische Aufgabe ist einen Reiseführer zu erstellen, in dem die sowjetischen Bestattungen verzeichnet werden. Oft sind die von den deutschen Organisationen gesammelten Informationen unvollständig. Deshalb besuchen wir die Friedhöfe selbst und listen die Gräber der Sowjetbürger auf. Wir erstellen auch detaillierte Adressen von diesen Friedhöfen. Solche Reiseführer können zum Beispiel bei Busausflügen in Nordrhein-Westfalen verwendet werden: während einer obligatorischen Pause für den Fahrer konnten die Leute die Grabstätte besuchen und sich vor den Totengräbern verbeugen. Wir haben bereits Informationen über Dormagen, Köln, Leverkusen, Hürth, Brauweiler, Dienstweiler gesammelt. Zudem treffen wir die Verwandte der in Deutschland umgekommenen Menschen aus der Sowjetunion und begleiten sie zur Grabstätte.

Aleksandr: Für uns ist die Namenssuche nicht weniger wichtig als die Organisation der Veranstaltungen zu den Gedenktagen. Die erste Aufgabe ist jedoch aus organisatorischer Sicht schwieriger. Das Problem liegt in ihrer praktischen Umsetzung und nicht in unseren Prioritäten. Um in den Archiven arbeiten zu können, brauchen wir einen Spezialisten, die wir bisher suchen. Jetzt richten wir unsere Bemühungen auf die zugänglichere Aufgabe, d.h. auf die Organisation von Veranstaltungen zu den denkwürdigen Daten des Zweiten Weltkriegs. Wir haben vor, ein wissenschaftliches Projekt vorzubereiten, das sowohl für die russischsprachige Community, als auch für die deutschen Behörden interessant sein wird. Falls erfolgreich, wird es für uns einfacher sein, Probleme mit der Finanzierung zu lösen und mehr Menschen für unsere Aktivitäten zu gewinnen.

Kommen wir zurück zum Thema der Organisation von Gedenkveranstaltungen. Welche Daten sind für Sie am wichtigsten?

Aleksandr: Natürlich sind das in erster Linie der 8. und 9. Mai. Wir organisieren auch Veranstaltungen am Tag der Erinnerung an den unbekannten Soldaten am 3. Dezember und am Tag des Gedenkens und der Trauer am 22. Juni. 2019 haben wir gemeinsam mit Vertretern der jüdischen Gemeinde am Edith-Stein-Denkmal in Köln zum ersten Mal eine Veranstaltung zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust durchgeführt.

Skizzieren Sie den gewöhnlichen Veranstaltungsablauf.

Sergej: Anfangs wird auf dem Parkplatz ein Konzert organisiert, dort werden auch Blumen gekauft. Wenn es in der Nähe eine Wiese gibt, grillen wir dort oder organisieren eine Teestunde. Von dort aus beginnt das Autokorso, Autos und Motorräder machen einen Kreis um die Stadt. Danach findet im Zentrum der Stadt der Zug des „Unsterblichen Regiments“ statt und dann gehen wir zum Friedhof. Dort legen wir die Blumen auf die Grabstätte nieder, und es wird ein Gedenkgottesdienst von der orthodoxen Kirche abgehalten. Wir verbinden alles, alle Formen des Feierns, damit sie für möglichst viele Menschen verständlich werden.

Welche Symbole oder Zeichen verwenden Sie bei Ihren Veranstaltungen am häufigsten? Gibt es eine bestimmte Uniform?

Sergej: Selbstverständlich ist das zuallererst das Georgsbändchen. Dazu verfügen wir über eine Kopie der Flagge der Sowjetunion (die auf dem Reichstagsgebäude gehisst wurde), die St. Georgsflagge und Plakate mit dem Slogan unserer Organisation: „Erinnerung ist stärker als die Zeit!“ Alle anderen Symbole sind individuell: die Teilnehmer können beispielsweise Fahnen der Sowjetrepubliken mitbringen, alles ist sehr international. Einmal kam jemand mit einer zeitgenössischen ukrainischen Flagge – wir freuen uns über alle.

Aleksandr: Was die Uniform anbetrifft, kommen die meisten Teilnehmer in Zivil. Doch besorgen einige speziell für die Veranstaltung Soldatenuniformen aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie werden entweder aus Russland mitgebracht oder bei ebay gekauft. Der Anzug kostet 50 Euro. Wir bestellen Mützen und Georgsbändchen, dabei werden die Bändchen kostenlos an die Teilnehmer verteilt. Wir haben auch offiziell zwei Wachposten in der sowjetischen Uniform mit Sturmgewehren, die die Ehrenwache halten (die Sturmgewehre sind nicht echt). Man muss aber der Polizei immer bescheid geben, dass bei der Veranstaltung Dekowaffen benutzt werden, damit sie keine Sorgen haben. Ich selbst bin Offizier und ein erblicher Kosake, ein Vertreter der Donkosaken-Armee in Deutschland. Daher trete ich bei unseren Veranstaltungen oft in meiner eigenen zeitgenössischen Kosakenuniform auf. Das ist keine Improvisation, die Uniform ist echt. Ich habe sogar ein Zertifikat – ein Oberstpatent.

Hatten Sie irgendwann Schwierigkeiten bei der Durchführung von Veranstaltungen?

Aleksandr: Am Anfang hatten einige Leute Angst, an Veranstaltungen teilzunehmen. Sie befürchteten negative Reaktion der deutschen Behörden, der Polizei und der Verurteilung Deutschen vor Ort sowie Vandalismus. Dazu kämpfte ich gegen die Vorurteile die deutsche Polizei – viele befürchteten, dass sie uns trotz der Erlaubnis zerstreuen, ins Gefängnis bringen oder mit Geldstrafen belegen. Ich erklärte den Leuten, dass die Polizisten keine Tyrannen sind, sondern den öffentlichen Frieden überwachen und für die Ordnung sorgen. Im Allgemeinen kann ich sagen, dass man für unsere Tätigkeit einen gewissen bürgerlichen Mut haben soll und nicht nur Überzeugungen. Aber jeder Anfang ist schwer. Nach dem Protokoll werden wir normalerweise immer von ein paar Polizisten begleitet. Ihrerseits gab es am Anfang auch Misstrauen, aber jetzt kennen sie mich gut und fürchteten keine Unruhen.

Wie jede öffentliche Organisation haben wir manchmal Missverständnisse mit Journalisten. Nicht jeder ist freundlich gestimmt, und einige versuchen sogar, unsere Veranstaltung zu politisieren, ohne ihre Bedeutung zu verstehen. Solche Leute kommen und stellen provokative Fragen, suchen nach Wodka und besoffenen Teilnehmern. Gleichzeitig ist Alkohol vorschriftsgemäß verboten. Anstatt haben wir immer Lebkuchen, Tee, Kwas, Soldatenbrei. In solchen Fällen reagieren wir nicht auf Provokationen und erklären geduldig unsere Werte.

Die Einheimischen stehen uns normalerweise neutral gegenüber. Das einzige Hindernis für das gegenseitige Verständnis ist aber die Kommunikation: nicht alle Teilnehmer unserer Veranstaltungen beherrschen gut Deutsch.

In welcher Sprache werden Ihre Veranstaltungen gemacht?

Sergej: Normalerweise finden Veranstaltungen auf Russisch statt, aber wenn es deutsche Gäste gibt, dann in zwei Sprachen gleichzeitig. Wir haben einen Übersetzer, das ist eine Person aus unserem Team.

Warum besucht man Ihre Veranstaltungen? Warum hält man sie für wichtig? Was sind Ihre Hauptwerte, welche Ziele haben Sie?

Aleksandr: Einmal habe ich während des Gesprächs die Reporter gefragt: „Wissen Sie, warum wir so viele Teilnehmer haben?“ Die Leute, die zu den Veranstaltungen kommen, haben Angst. Sie haben Angst, dass der Krieg wieder beginnt. Und wenn ein neuer Krieg beginnt, wird niemand überleben.

Eines unserer Hauptziele ist es daher, die Erinnerung an den „Großen Vaterländischen Krieg“ und die historische Wahrheit zu schützen. Die Erinnerung ist wichtig, die Erinnerung ist die Wahrheit. Deshalb haben wir solchen Namen für unsere Organisation gewählt. Je mehr Menschen die Vergangenheit vergessen, desto aktiver werden die Organisationen von Neonazis in ganz Europa. Wenn wir uns nicht erinnern, können schreckliche Sachen passieren. Wir kämpfen auch mit unterschiedlichen Vorurteilen gegen das russische Volk, weil wir alle in Frieden leben wollen. Wir möchten, dass Europa sich daran erinnert, wie wichtig diese einfache Wahrheit für uns alle ist.

Im Moment ist unser Ziel, so viele Menschen wie möglich anzusprechen, um bei ihnen Interesse zu wecken. Wir möchten, dass die Feier zum „Tag des Sieges“ für alle russischsprachigen Menschen in Düsseldorf zur Tradition wird.24 Wir möchten sie zu einem Familienfest machen. Einige Erfolge kann man schon sehen. Im vorletzten Jahr wurde in 20 deutschen Städten das Unsterbliche Regiment organisiert, im vergangenen Jahr bereits in 26 Städten. In Europa können wir die gleiche Tendenz beobachten. Soweit ich weiß, wurden in Frankreich 2017 ähnliche Veranstaltungen in 10 Städten organisiert, und 2018 bereits in 17 Städten.

Berichten die Medien über Ihre Veranstaltungen?

Aleksandr: Ja, die Tätigkeit unserer Organisation wird in der russischsprachigen Presse in Deutschland behandelt. Z. B. sind das die Zeitungen „MK-Germanija“ („МК-Германия“) und „Sootetschestvennik“ („Соотечественник“) und das Wochenblatt „Kontakt-Schans“ („Контакт-Шанс“). Artikel über uns werden auch auf unserer alten Website25 und auf dem Internet-Portal „Russkoe pole26 vorgestellt. Bald planen wir eine neue Webseite vorzubereiten. Zurzeit arbeiten wir aktiv mit Jana Franz, sie ist unsere Pressesprecherin und professionelle Journalistin. Sie verfasst viel über unsere Arbeit in der Zeitung „MK-Germanija“. Was die deutsche Presse anbetrifft, wurde 2017 in Kölner Stadt-Anzeiger ein Artikel über unser Autokorso veröffentlicht.27

Gibt es eine Möglichkeit für die Zusammenarbeit mit lokalen deutschen Organisationen, ist es möglich, von ihnen Unterstützung zu bekommen?

Aleksandr: Wir arbeiten daran. Wie wir bereits gesagt haben, ist es unser Hauptziel, die Aufmerksamkeit von der Gesellschaft zu bekommen, damit die Menschen verstehen, was wir machen und warum dies notwendig ist. Deshalb bauen wir Kontakte auf und hoffen auf eine konstruktive Zusammenarbeit mit verschiedenen lokalen Organisationen.

Sergej: Vor kurzem hatten wir ein Treffen mit Vertretern der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf für die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Düsseldorf, das ist ein Museum und Forschungsstätte, die sich mit der Geschichte der Opfer des Nationalsozialismus befasst.28 Unsere Ideen haben ihnen gefallen und sie haben versprochen, uns bei der Organisation der Feier am 9. Mai 2021 zu unterstützen und deutsche Schüler zu unserer Veranstaltung einzuladen – die Schüler werden ein eigenes Gedenkprojekt unter der Leitung dieser Organisation vorstellen. Für uns sind diese Kontakte sehr wichtig, denn jetzt wollen wir auch Deutsche für die Teilnahme an unseren Veranstaltungen gewinnen – früher haben wir nur russischsprachige Leute nachgefragt.

Seit 2019 arbeiten wir auch mit der Synagogen-Gemeinde in Köln zusammen. Am 27. Januar, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, organisierten wir eine Veranstaltung, an der auch Vertreter der Kölner Roonstrasse-Synagoge teilgenommen haben. Normalerweise halten sie ihre Veranstaltungen hinter verschlossenen Türen ab, aber jetzt sind sie mit uns auf die Straße rausgegangen. Bei dieser Veranstaltung erinnerten wir uns an die Leistung eines einfachen sowjetischen Soldaten, der auf Kosten seines Lebens das Vernichtungslager Auschwitz befreite. Und natürlich an die schicksalhafte Mission der sowjetischen Armee, an ihren unschätzbaren Beitrag zur Befreiung Europas vom Nationalsozialismus.

Aleksandr: Die Unterstützung der Stadtverwaltung ist uns auch sehr wichtig. Seit 2018 wurde der Tag des Sieges über den Faschismus in Köln zum Ereignis von internationaler Bedeutung. Zum ersten Mal 2018 hielt die erste Stellvertreterin des Oberbürgermeisters der Stadt Köln, Frau Elfi Scho-Antwerpes, eine Rede auf unserer Veranstaltung. Sie betonte die Bedeutung des Sieges über den Faschismus für das ganze Europa. Dank ihrer Anwesenheit bekam unsere Veranstaltung einen besonderen Status. Der katholische Diakon Hans-Gerd Grevelding war auch dabei und hat auch eine Rede gehalten. Er erzählte, wie viel der Frieden bedeutet, wie wichtig es ist, Konflikte nicht mit Gewalt zu lösen, wie wichtig das Leben jedes ermordeten sowjetischen Befreier-Soldaten ist und das Leben anderer Menschen, die sich für den Frieden geopfert haben. Unsere Veranstaltung war die erste in Deutschland, an der deutsche Behörden teilgenommen haben.

Sie haben erwähnt, dass Sie die deutsche Öffentlichkeit für die Teilnahme an Ihren Veranstaltungen gewinnen möchten. Teilen Sie mit, wie Sie diese Idee umsetzen möchten.

Aleksandr: Normalerweise wird das „Unsterbliche Regiment“ in Deutschland und die Gedenkveranstaltungen von den Mitgliedern russischsprachiger Gemeinschaften organisiert. Die meisten Besucher unserer Veranstaltungen sind ebenfalls russischsprachige Russlanddeutschen. Vor kurzem begannen die Deutschen sich für unsere Tätigkeit zu interessieren. Oft fällt es nicht einfach, ihr Aufmerksamkeit zu gewinnen, da man dafür einen großen Bekanntenkreis benötigt. Darüber hinaus haben viele Deutsche immer noch Vorurteile gegenüber den Russen und betrachten unsere Veranstaltungen als einen Versuch, ihnen ein Schuldgefühl aufzuzwingen. Unsere Aufgabe ist daher, diese Einstellungen der Einheimischen zu überwinden, damit die Menschen verstehen, dass wir die besten Absichten haben und dazu auch gemeinsame Ziele. Es ist erwähnenswert, dass einige Deutsche schon an der Feier des 9. Mai regelmäßig  teilnehmen. Vor allem handelt es sich dabei um Vertreter der Kommunistischen Partei Deutschlands, Mitglieder verschiedener antifaschistischer Organisationen und kleineren Gesellschaften von Opfern des Nationalsozialismus. Das sind hauptsächlich ältere Leute.

Die neuen Teilnehmer kann man nur mit eigenem Beispiel und Interesse anlocken. Zum Beispiel haben wir letztes Jahr ein Autokorso mit 70 Autos organisiert. Das sah sehr schön aus und konnte zum Beispiel junge Leute interessieren. Wir können auch thematische Ausflüge und Führungen organisieren, die z. B. den Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz ähnlich sind. Zum Beispiel können wir für deutsche Studenten eine Reise nach Chatyn vorbereiten – deutsche Staatsbürger können in Belarus einen Monat ohne Visum verbringen. Um solche Reise durchzuführen, muss man aber zuerst ein Projekt schreiben und es der Stadtverwaltung präsentieren. Neben den Veranstaltungen zum Thema Krieg organisieren wir beispielsweise eine „Zarnitsa“ für Kinder (das ist ein sowjetisches und russisches Militärsportspiel für Kinder und Jugendliche).

Welche Rolle werden deutsche Kinder in „Zarnitsa“ übernehmen?

Aleksandr: Zum Beispiel die Rolle der Pfadfinder. Diese Veranstaltung ist nicht an bestimmte Ereignisse gebunden, sie hat keine politische Bedeutung. Wir bereiten Kinder auf das Überleben in der wilden Natur vor. Das ist ein interessantes Abenteuer für Jungen. Wir bringen ihnen bei, wie man ein Feuer macht, Wasser findet, wie man es filtert, wie man erste Hilfe leistet. Wir organisieren auch Schießstände, wo wir Bogenschießen beibringen. Das letzte Mal hatten wir ein paar deutsche Kinder dabei. Für Jugendliche kann man immer etwas Interaktives organisieren.

Haben Sie keine Angst, dass so die Hauptbedeutung Ihrer Veranstaltungen, die dem Thema Krieg gewidmet sind, verloren geht? Wie planen Sie dieses Jahr den Tag des Sieges feiern?

Aleksandr: Nein, denn der Tag der Befreiung ist ein offizieller Gedenktag in ganz Europa. Deutschland war das erste Land, das unter dem Nationalsozialismus gelitten hat. Für die Deutschen ist der 8. Mai der gleiche Tag der Befreiung wie für alle anderen. Um die deutsche Öffentlichkeit zu gewinnen, muss man die Tradition des Feierns nicht ändern, geändert kann nur die Form sein. In diesem Jahr werden wir beispielsweise den Hauptteil der Veranstaltung nicht wie üblich auf einen Friedhofsbesuch fokussieren, sondern in zwei Städten gleichzeitig organisieren. Wir wollen mehr Interessenten gewinnen. Am 8. Mai planen wir eine Veranstaltung in Köln und am 9. Mai in Düsseldorf. In Köln organisieren wir einen Flashmob auf der Treppe vor dem Kölner Dom und ein Galakonzert. Wir werden russische Volkslieder singen. Und am nächsten Tag organisieren wir im Zentrum von Düsseldorf eine Prozession des Unsterblichen Regiments und danach vor dem Regierungshaus – ein Konzert. Natürlich werden später auf einem der Stadtfriedhöfe Blumen niedergelegt.

Was sind Ihre aktuellen Ziele?

Sergej: Wir möchten, dass die Gedenkveranstaltungen am 8. und 9. Mai in allen deutschen Städten zu einer Tradition werden. In Berlin z. B. wird der 8. Mai 2020 zum gesetzlichen Feiertag erklärt, in diesem Jahr wird das ein arbeitsfreier Tag. Und im Land Mecklenburg-Vorpommern ist der 8. Mai seit 2002 ein Feiertag. Wir möchten, dass Nordrhein-Westfalen dieser Initiative beitritt. Der 8. und 9. Mai sind historische Tage, besondere Tage. Wenn die deutschen Stadtbehörden diese Feiertage selbst organisieren würden, würden wir gerne als Gäste dorthin kommen. Heute sieht das aber nicht so aus, deswegen fühlen wir uns verpflichtet, unsere Veranstaltungen abhalten, um zu zeigen, wie wichtig es ist, die Geschichte nicht zu vergessen.

Kommentar

Gedenkaktionen wie „Das Unsterbliche Regiment“, Autokorse, Flashmobs, Gedenkgottesdienste, Tragen der „Georgsbändchen“, Niederlegen der Blumen und angezündeten Kerzen auf sowjetische Grabstätten sowie die Pflege von Denkmälern und Gräbern… Zum einen, gehören diese Aktionen zur russischen Tradition der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, an der auch ein Teil der Gemeinschaft der russischsprachigen Aussiedler in Deutschland festhält. Zum anderen aber sind das neue zeitgenössische Elemente des Gedenkens, die die heutigen offiziellen Gedenkpraktiken in Russland kopieren.

Umgang mit Symbolen

Dass neben den Fahnen der ehemaligen Sowjetrepubliken das orthodoxe Kreuz zu einem der häufig verwendeten Symbole auf den Gedenkveranstaltungen wird, stört niemanden. Mitglieder dieser Vereine sehen keine Widersprüche in der Verwendung solcher entgegenstehenden Zeichen, weil diese verschiedenartige Symbolik eines ihrer Ziele erfüllt: Menschen zusammen zu bringen. Die Rolle dieses oder jenes Symbols besteht darin, bestimmte Assoziationen zu erwecken. Je mehr verschiedene Symbole im Rahmen der Veranstaltung verwendet werden, desto mehr Menschen für sich etwas finden werden, was ihnen am Herzen liegt. Deshalb kann man bei solchen Gedenkveranstaltungen gleichzeitig Menschen in Kosakenuniformen mit Deko-Kalaschnikows, Kinder in sowjetischen Mützen und sogar die moderne ukrainische Fahne sehen An diesen Veranstaltungen nehmen nicht nur Russen teil: Es sind keine reinen „Russen-Feste“, sondern sie vereinen tatsächlich die Vertreter der letzten sowjetischen Generation aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Fahnen der ehemaligen Sowjetrepubliken haben keine politische Aussage – es ist nur eine Form, die verschiedene Identität vereint, ein Symbol der gemeinsamen sowjetischen Vergangenheit. Gleichzeitig ist das Kreuz ein Symbol der Opfer des Krieges, an dem alle Völker der ehemaligen Supermacht beteiligt waren, anders – ein Symbol für den Sieg des Lebens über den Tod.

Oft können die Teilnehmer der Gedenkveranstaltungen selbst nicht immer erklären, warum sie dieses oder jenes Symbol bei einer bestimmten Veranstaltung verwenden. Daher ist ihre Verwendung oft nur eine Anknüpfung an eine bestimmte für alle verständliche Tradition. Das auffälligste Beispiel für ein solches Symbol ist natürlich das Georgsbändchen (das Siegessymbol)29.

„Den Frieden schätzen und dass wir alle aus der Sowjetunion stammen“: Aussiedler aus der Sowjetunion und die Sowjetnostalgie

Kennzeichnend sind auch die Einstellungen einiger Russlanddeutschen in NRW gegenüber der Geschichte der Sowjetunion und des Zweiten Weltkrieges. Sie versuchen, den Gedenkfeiertag am 9. Mai nicht als Nationalfeiertag zu präsentieren, sondern als eine internationale Feier (vor allem für die Völker der ehemaligen UdSSR). Das kann sowohl als Stärke, als auch als Schwäche dieser Vereine verstanden werden. Die Stärke ist, dass die Menschen aus verschiedenen Ländern der ehemaligen UdSSR zu produktiver Zusammenarbeit fähig sind, sie haben gegenseitiges Verständnis zueinander. Ihre Schwäche besteht darin, dass genau diese Einstellungen diese Organisationen zu den reinen Generationsvereinen ausmachen. Junge Menschen im Alter von 30 Jahren und jünger aus dem postsowjetischen Raum haben bereits andere Vorstellungen von ihrer Selbstidentität und klarere Vorstellungen von den nationalen Besonderheiten jeder Gemeinschaft. Sie verstehen die Ideen eines einzelnen sowjetischen Volkes, einer einzelnen sowjetischen Vergangenheit nicht. Sie haben keine Nostalgie für die UdSSR. Für die älteren Mitglieder dieser Organisation ist die Sowjetunion aber mit ihrer Kindheit und Jugend verbunden, mit dem, was sie geliebt und verstanden haben.

Das Problem der russischen Erinnerungstradition an den Krieg besteht darin, dass er (der Krieg) allmählich die globale Perspektive verliert. Ähnliche Tendenzen sind in westeuropäischen Ländern seit langem zu beobachten: wegen des Generationswechsels gibt es immer weniger Menschen, für die die UdSSR nicht nur eine der Supermächte, sondern auch ein Traumland, ein Land der Gleichheit und der sozialen Gerechtigkeit war und die Heldentat des sowjetischen Soldaten – eines der zentralen Ereignissen der Kriegsgeschichte in vergangenem Jahrhundert. Für die Kinder und Enkelkinder der „Sowjetbürger“ ist die UdSSR bereits Geschichte, außerdem mit einem unglücklichen Ende und daher in keiner Weise ein Vorbild. Doch manchmal versuchen ihre Eltern und Großeltern ihnen dieses Vorbild aufzudrängen.

Laut der Interpretation der Geschichte des 20. Jahrhunderts, das in einigen europäischen Ländern verbreitet war, war die UdSSR ein totalitäres Land und Stalin fast derselbe Tyrann wie Hitler. Die Heldentat der „sowjetischen Befreier“ wird in dieser Interpretation zwar nicht geleugnet, aber man erweitert diese positive Haltung auf die stalinistische Expansionspolitik in den Nachbarländern nicht und will oft die entscheidende Rolle der UdSSR im Krieg nicht anerkennen.

Doch die Vertreter einiger russischsprachigen Gedenkvereine in Deutschland verteidigen weiterhin aktiv einen anderen Standpunkt zu diesem Thema. In einem Teil der russischen Gesellschaft (und dazu gehört die offizielle Geschichtspolitik des Kremls) wird von der negativen Deutung des Sowjetischen Abstand genommen. Die Sowjetzeit wird positiv gedeutet als ein nationales Erbe.30 Eines der Ziele der obengenannten Gedenkorganisationen ist daher die Aufklärung: man möchte die Idee des Friedens verteidigen und gleichzeitig der Notwendigkeit der Erinnerung an die Heldentat des sowjetischen Soldaten für die künftige Generationen junger Europäer erklären – damit man nicht vergisst, wer die „Welt gerettet hat“. Die Besonderheit dieser Argumentation besteht darin, dass sie zugeben, dass wenn man die sowjetische Version der Kriegsgeschichte vergisst, wäre ein neuer Krieg in der Zukunft durchaus möglich. „Gäbe es nur keinen Krieg mehr!“ – Diese Aussage ist viele Jahre alt und spiegelt die Mentalität der Menschen aus der Sowjetunion wider. Mit der Angst, dass dieser Kriegshorror nochmal passiert, wurden die ersten Nachkriegsgenerationen in der UdSSR erzogen und nach 75 Jahren befürchten einige ältere Menschen weiterhin ernsthaft die Wiederholung dieser Perspektive.

Vorstellungen über Nazismus. Wer hat Schuld an Kriegsverbrechen?

Ein weiteres Ziel der russischsprachigen Gedenkorganisationen in Nordrhein-Westfalen ist daher der Kampf gegen den Neonazismus und die Ausbreitung rechtsextremer politischer Bewegungen.

In dieser Hinsicht ist die Einstellung der Mitglieder der russischen Gedenkorganisationen gegenüber der nationalsozialistischen Diktatur in der Geschichte Deutschlands interessant. Es sei darauf hingewiesen, dass die Menschen im heutigen Russland alle Deutschen nicht als Nazis betrachten, aber auch Kriegsverbrechen einfacher Wehrmachtssoldaten nicht leugnen. Das ist der Hauptunterschied zwischen den Russlanddeutschen in NRW und ihren Landsleuten in Russland – sie unterstützen und glauben an den Mythos, dass nur die SS-Truppen fanatische Nazis waren und die anderen Wehrmachtssoldaten unter Zwang kämpften und sogar versuchten, Verbrechen zu vermeiden. Dieser Mythos ist auch ziemlich alt – der wurde noch in den DDR-Zeiten entstanden – so betrachteten die Bürger der Sowjetunion ihren Kameraden aus der deutschen brüderlichen sozialistischen Republik. So ergibt sich eine interessante Wahrnehmungstruktur: der Nationalsozialismus erscheint diesen Menschen als ein abstraktes Übel, das aus dem Nichts entstanden ist und Deutschland eroberte, und danach von sowjetischen Soldaten bekämpft wurde. Nach dieser Logik können die Deutschen auch sich über den „Tag des Sieges“ als Tag ihrer Befreiung freuen.

Es ist anzunehmen, dass der Grund für solche Überzeugungen der russischen und anderen Aussiedler die Notwendigkeit der Versöhnung mit ihrer neuen Identität ist: denn schließlich verließen sie ihre Heimat nach dem Zusammenbruch der UdSSR und sind nach Deutschland gekommen. Sie leben schon lange hier und sind dem deutschen Staat für ein ruhiges und würdiges Leben dankbar, manche haben deutsche Freunde und Bekannte, ihre Kinder sind bereits Halbdeutsche und es ist selbstverständlich, dass sie ihre positive Einstellung zu heutigen Deutschland in die Kriegsvergangenheit übertragen, obwohl das aus historischer Sicht widersprüchlich ist. Es kommt für diese Leute zu einem Identitätskonflikt, der sich schwer lösen lässt.

Könnten Deutsche und Russen das Ende der Nazi-Diktatur gemeinsam feiern?

Die Traditionen, die im Massenbewusstsein der meisten heutigen Europäer als ein Hindernis für das gegenseitige Verständnis zwischen Westeuropäern und Aussiedlern aus der ehemaligen UdSSR gesehen werden31, ist für die Mitglieder der lokalen russischen Gedenkvereine im Gegenteil eine Brücke für die mögliche Gestaltung der Zusammenarbeit. Die Feiertage am 8. und 9. Mai sind für sie eine Gelegenheit für den Aufbau der guten Beziehungen zu deutschen Einheimischen, eine Gelegenheit, gemeinsame Werte und vor allem ein einheitliches Erinnerungskonzept über die gemeinsame Kriegsvergangenheit zu schaffen. Für sie hat alles, was mit dem Sieg über den Nationalsozialismus zusammenhängt, eine heilige Bedeutung und sie möchten, dass die anderen Völker Europas sie unterstützen, weil sie es für natürlich halten.

Diese Erinnerungsgemeinschaften sind überzeugt, dass das Problem der Zusammenarbeit mit den Deutschen nicht in der Dimension der Ideale besteht, sondern vor allem in den organisatorischen Schwierigkeiten. Das stimmt aber nicht ganz. Schließlich gibt es noch andere Hindernisse, wie Alter, Sprache, Nationalität, Kultur sowie der Unterschied in der Mentalität und den Traditionen der Erinnerungskultur. Insbesondere ist die Form der durchführenden Veranstaltungen am 8. und besonders am 9. Mai ein Feiertag. Für viele Deutschen kann dieser Tag von seiner Form her kein Feiertag sein – vielleicht ein Gedenktag, aber bestimmt kein FEIERtag, besonders nach dem pseudo-sowjetischen Muster! Natürlich sagen die Mitglieder der Gedenkvereine, dass sie die Gefühle der Deutschen verstehen und deshalb müsse man das Material nur richtig präsentieren – ohne Anschuldigungen und Konflikte, ohne Nationalismus, aber wie will man das realisieren? Diese Frage bleibt offen. Bisher haben nur wenige Vertreter der deutschen Linksparteien und der antifaschistischen Bewegungen ein aktives Interesse an den Veranstaltungen dieser Vereine. Das Problem der Aufgabe, Deutsche für solche Veranstaltungen zu gewinnen, liegt daher nicht in der praktischen Umsetzung, sondern auf der Ebene des gegenseitigen Verständnisses, bzw. Werte und Traditionen.

Zusammenfassung und Zukunftsperspektiven

Die Mitglieder der russischsprachigen Gedenkorganisationen in NRW verdienen trotz der Widersprüchlichkeit ihrer Werte Respekt und Wertschätzung. Vielleicht gibt es unter ihnen nicht so viele Menschen, die sich in der Geschichte gut auskennen und die Besonderheiten der deutscher Erinnerungskultur verstehen. Jedoch sind sie sehr aktiv, sie sind Altruisten, die bereit sind, sich umsonst um Grabstätten zu kümmern und nach die in Deutschland verstorbenen Sowjetbürgern zu suchen, damit ihre Verwandten sie finden können.

Tatsächlich ist ihre Tätigkeit eindeutig pazifistisch, bei ihren Veranstaltungen unterstützen sie die Idee des Friedens und versuchen, das positive Bild des sowjetischen und russischen Volkes zu vermitteln und das mit den besten Absichten zu tun.

Haben solche russischsprachige Organisationen eine Zukunftsperspektive? Die Zeit wird es zeigen. Es ist jedoch anzunehmen, dass sie sich in einem Vierteljahrhundert mit dem nächsten Generationswechsel bestimmt verändern werden; vielleicht werden neue Formen und Praktiken des Umgangs mit der Vergangenheit geschaffen, vielleicht werden Erinnerungsdiskurse der Migranten in den gesamtdeutschen Diskurs integriert. 

Für einen Teil der neuen Generationen von Russen in der ganzen Welt wird der Sieg zunehmend nicht zum wichtigsten Nationalfeiertag, der zur Selbstfindung dient und das Identitätsgefühl stärkt, sondern lediglich zu einem Ereignis aus der Vergangenheit – einem respektierten, verehrten, aber nicht mit ihrem Leben verbundenen Ereignis. Es ist klar, dass die Kämpfe um ein „korrektes“ Verständnis der Geschichte fortgesetzt werden, sogar jetzt wird dieses Thema insbesondere auf politischer Ebene immer stärker instrumentalisiert, aber im Vergleich mit ihren älteren Verwandten, fühlen viele junge Menschen keine sehr starke emotionale Verbindung zu dem Krieg mehr.


1 Da diese Organisationen seit nicht langer Zeit getrennt existieren und ähnlich sind, ist es leicht, sie zu verwechseln. Z. B. haben sie die gleichen Slogans („Erinnerung ist stärker als die Zeit!“), die gleichen Logos, eine Webseite (www.9-mai.de) und manchmal auch die gleichen Veranstaltungsorte. Z. B. organisieren beide Gruppen einige Veranstaltungen in Köln. Am einfachsten kann man sie in den Sozialnetzen kontaktieren. Den Verein „Erinnerung für die Zukunft e. V.“ kann man im russischsprachigem Sozialnetz Odnoklassniki finden (siehe: https://ok.ru/nikton) und „Gedenken e.V. (Pamjatj)“ in Facebook (siehe: https://www.facebook.com/groups/2161635280820859/?ref=pages_profile_groups_tab&source_id=2099736960303527).

2 Das Interview fand am 3. Februar 2020 statt. Natalja Tustanovskaja, 52 Jahre alt, lebt schon seit mehreren Jahrzehnten in Hürth-Knappsack, kommt aber ursprünglich aus Kasachstan. Das Gespräch wurde in russischer Sprache geführt und ins Deutsche übersetzt.

3 Unsterbliches Regiment ist eine Gedenkinitiative zum Tag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg. 2012 von liberalen Tomsker Journalisten initiiert, marschieren Menschen mit Porträts von Kriegsteilnehmern aus der eigenen Familie durch Stadtzentren oder Gedenkorte. Der Name der Aktion spielt auf die Bezeichnung einer militärischen Einheit an. Innerhalb weniger Jahre wurde die Graswurzelbewegung zum Bestandteil offizieller Feierlichkeiten. Mittlerweile finden ähnliche Aktionen auch in anderen Ländern statt, nicht nur im postsowjetischen Raum. Laut Kritikern ist das Unsterbliche Regiment heute ganz in die offizielle Geschichtspolitik des Kreml kooptiert. Mehr dazu: https://www.dekoder.org/de/gnose/erinnerungskultur-grosser-vaterlaendischer-krieg-sowjetunion. 

4 Blokadniki – die Überlebten in der Leningrader Blockade.

5 Zusammenarbeit mit Osteuropa e. V., URL: https://zmo-mainz.de/

6 Ab 2014 wird in Russland der 3. Dezember zum neuen Gedenkdatum – dem Tag des Unbekannten Soldaten. Der 3. Dezember wurde gewählt, weil im Jahre 1966 an diesem Tag, anlässlich des 25. Jahrestages der Niederlage deutscher Truppen in der Nähe von Moskau, die Überreste des unbekannten Soldaten aus dem Massengrab auf dem 41. Kilometer der Leningrader Autobahn überführt und feierlich in der Nähe vom Moskauer Kreml im Alexandergarten begraben wurden. Dieser Tag ist der Erinnerung an sowjetische Soldaten gewidmet, die in den Schlachten im Heimatland oder im Ausland starben.

7 Am 27. Januar feiert man in Russland die Aufhebung der Blockade der Stadt Leningrad (Heute St. Petersburg). Die Belagerung von Leningrad durch deutsche, finnische und spanische Truppen im Zweiten Weltkrieg dauerte vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944. Sie dauerte 872 Tage und forderte über eine Million Opfer. Die meisten von denen starben von Hunger.

8 Aufgrund der Corona-Krise wird die Feier des „Siegestages“ 2020 verschoben.

9 Das Georgsbändchen ist in Russland seit 2005 ein wichtiges Symbol der Erinnerung an den Sieg im Deutsch-Sowjetischer Krieg. Es vereint in sich zwei Ebenen der russischen Geschichte: den Stolz auf den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg und die ruhmreiche imperiale Tradition der russischen Armee im Zarenreich. Mehr dazu siehe hier: https://erinnerung.hypotheses.org/28.

10 Als Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Mehr dazu siehe hier: https://www.dekoder.org/de/gnose/grosser-vaterlaendischer-krieg.

11 Friedensbrücke-Kriegsopferhilfe e. V., URL: https://www.fbko.org/.

12 Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., URL: https://www.volksbund.de/home.html.

13 Hier wird in erster Linie die Liebe zur „sowjetischen Heimat“, Völkerfreundschaft und Toleranz zwischen den mehreren Nationen der ehemaligen UdSSR gemeint.

14 Es geht um den Hochbunker in der Elsaßstraße in Köln. Mehr dazu siehe hier: https://www.koeln.de/koeln/111_koelner_orte_der_hochbunker_in_der_elsassstrasse_171741.html.

15 Donbass ist im Russischen eine Abkürzung für das Donezker Kohlenbecken. Es umfasst zwei Regionen der Ukraine, nämlich Donezk (ausschließlich der Region am Asowschen Meer „Priazovye“) und den südlichen Teil von Lugansk. Die Gesamtfläche von Donbass beträgt ca. 60.000 km². Die Hauptstadt von Donbass ist Donezk.

16 Mit dem Ausbruch des bewaffneten Konflikts in der Ostukraine 2014 (vor allem in den ostukrainischen Verwaltungsbezirken Donezk und Luhansk) haben sich viele Russen in der Russischen Föderation und im Ausland bereiterklärt, die humanitäre Hilfe für die lokale Bevölkerung zu leisten. Es wurden mehrere Belieferungen mit Nahrung und Bedarfsgüter in die Ostukraine organisiert.

17 Archiv OBD-Memorial, URL: https://obd-memorial.ru/html/.

18 Das Interview fand am 31. Januar 2020 statt. Aleksandr Rossolaj und Sergej Besler leben schon seit vielen Jahren in Nordrhein-Westfallen, kommen aber ursprünglich aus Belarus und Usbekistan. Das Gespräch wurde in russischer Sprache geführt und ins Deutsche übersetzt.

19 Es handelt sich um das Ehrenmal für 48 sowjetische Opfer des Zweiten Weltkriegs, welches unmittelbar nach Kriegsende von der sowjetischen Militärmission errichtet wurde. URL: http://www.sowjetische-memoriale.de/index.cfm?inhalt=detail&lang=de&id=15207.

20 Kin-Top Förderungszentrum e.V., URL: https://www.kin-top-foerderungszentrum.de/

21 Der 23. Februar ist der Tag des Verteidigers des Vaterlandes. In Russland und einigen anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist das ein gesetzlicher Feiertag. Seit 2002 ist dieser Tag arbeitsfrei.

22 Der 8. März ist heute der russische Weltfrauentag und ist mit der Frauenrechtsbewegung nicht verbunden. Der moderne Frauentag ist eine Kombination aus Valentins- und Muttertag: Der ist zu einem traumhaften Tag der Weiblichkeit, Liebe und Aufmerksamkeit geworden. An diesem Tag muss man nicht zur Arbeit.

23 So auch das offizielle Narrativ Kremls über die westliche Geschichtsschreibung.

24 In dieser Funktion ist sie bereits in Berlin am Treptow-Park. Siehe hier: https://erinnerung.hypotheses.org/144.

25 Gedenken e.V. (Pamjatj) e. V., URL: http://www.9-mai.de.

26 Russkoe Pole, URL: http://russkoepole.de/de/.

27 Schöneck, Bernd: Autokorso in Köln. Sowjetischer Konvoi erinnert an Ende des Zweiten Weltkriegs, in: Kölner Stadt-Anzeiger 08.05.2017. URL: https://www.ksta.de/koeln/chorweiler/autokorso-in-koeln-sowjetischer-konvoi-erinnert-an-ende-des-zweiten-weltkriegs-26866252.

28 Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf für die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft, URL: http://www.ns-gedenkstaetten.de/nrw/duesseldorf/besucherinformationen.html.

29 Mittlerweile ist das Georgsbändchen nicht nur ein Siegessymbol, sondern ein Symbol für Patriotismus und konservative, anti-liberale Haltung. Zudem ist es in der Ukraine ein Zeichen des pro-russischen Separatismus. Mehr dazu: https://erinnerung.hypotheses.org/28.

30 Nicht alle Russen und Russlanddeutschen in Deutschland unterstützen diese Meinung.

31 Die Rede ist hauptsächlich von den sowjetischen Feiertraditionen am 9. Mai und begleitenden Daten.

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