22. Juni 2021: Der 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion

Vortrag/Gedenkrede im Colloquium der Kritischen Historiker*innen Bonn am 21. Juni 2021 und an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg am 22. Juni 2021 von Martin Aust.

Zuerst veröffentlicht auf Ostkreuzbonn.

Bildautor: Friedhelm Boll.

Der 21. Juni 1941 war ein Samstag. Die Menschen in der Sowjetunion waren mit sich und ihrem Alltag befasst. Die siebzehnjährige Rosalija Serdnak vertraute am 21. Juni ihrem Tagebuch an: „Es ist schon viel Zeit vergangen, aber ich habe kein Wort geschrieben. Aber es gibt auch nichts zu schreiben. Boris wird den ganzen Sommer arbeiten. Zwischen uns ist nichts und wird auch nichts sein.“ Der sechzehnjährige Lev Poscherstnik trug in sein Tagebuch ein, dass er abends noch spazieren und anschließend Billard spielen ging. In Leningrad notierte die achtzehnjährige Nina Soboljowa voller Euphorie: „Das war’s! Die Schule ist beendet. Kaum zu glauben. Heute abend ist Übergabe der Zeugnisse und der Abschlussball. Und dann beginnt ein neues Leben!“ Am Sonntag, dem 22. Juni 1941, hielten viele Menschen in ihren Tagebüchern fest, dass nun nach dem eher regnerischen Samstag endlich die Sonne scheint und Gelegenheit bestand schwimmen zu gehen. Die Badesaison schien eröffnet. Doch in sie platzte jäh der deutsche Überfall auf die Sowjetunion ohne vorherige Kriegserklärung hinein. Wer den Angriff im Westen der Sowjetunion nicht selbst erlebte, erfuhr es von seinen Mitmenschen oder mittags aus der Radioansprache Molotovs, der sich an die Bevölkerung wenden musste, da der Angriff Stalin die Sprache verschlagen hatte.

Auf einer Länge von fast 2000 km haben die deutsche Wehrmacht und ihre Verbündeten Finnland, Italien und Rumänien in den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 die Sowjetunion angegriffen. Massive Luftangriffe und schweres Artilleriefeuer bereiteten den raschen Vorstoß der deutschen Panzertruppen und Infanterie vor – zunächst in den von der Sowjetunion 1939/40 annektierten Gebieten in Polen, Estland, Lettland und Litauen, alsbald jedoch auch auf dem westlichen Territorium der Sowjetunion in den Grenzen von 1938. 

Damit endete jenes Kapitel des Zweiten Weltkriegs, das der Hitler-Stalin-Pakt in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1939 eröffnet hatte. Im September 1939 hatte zunächst die deutsche Wehrmacht, dann die Rote Armee Polen angegriffen. Deutsche und sowjetische Besatzer hatten die Zweite Polnische Republik unter sich aufgeteilt. Der deutsche Überfall auf Polen stellte den Auftakt zum deutschen Vernichtungskrieg im östlichen Europa dar. Die Wehrmacht verübte von Anbeginn Gewalt gegen Zivilisten in Polen. In ihrem Rücken zogen Einsatzgruppen der SS in Polen ein, die Terror vor allem gegenüber der polnischen Elite sowie Jüdinnen und Juden verübten.

Der Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 stellte in zweifacher Hinsicht eine Radikalisierung des deutschen Vernichtungskriegs dar. Der einzigartige Charakter dieses Vernichtungskriegs liegt sowohl in seiner Planung als auch der Praxis seiner Kriegsführung. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion wandte Hitler sich seinem zentralen ideologischen Projekt zu, das er in seiner Schrift Mein Kampf bereits ausführlich beschrieben hatte. Er hatte es den Kampf gegen den jüdischen Bolschewismus und für deutschen Lebensraum im östlichen Europa genannt. In seiner verschwörungstheoretischen und rassistischen Weltsicht war Hitler der unumstößlichen Ansicht, die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg sei auf eine innere Zersetzung des kriegführenden Kaiserreichs durch Juden und Kommunisten zurückzuführen. Diese Niederlage – so Hitler weiter – müssten die von ihm zu Herrenmenschen ernannten Deutschen in einem neuerlichen Krieg wettmachen, in dem – so schreibt Hitler in Mein Kampf – die Deutschen wie einst im Mittelalter die Deutschordensritter und Bauern nach Osten ziehen sollten, um Land zu erobern und zu besiedeln. Den Menschen in der Sowjetunion, allen voran Juden und Slawen, wies Hitler dabei das Los zu, als vermeintliche Untermenschen Platz für die Deutschen zu machen. Der Weltanschauungskampf gegen den Kommunismus und die koloniale Ausbeutung des östlichen Europas liefen im deutschen Krieg gegen die Sowjetunion zusammen.

Die Wehrmacht, das Reichssicherheitshauptamt, unter dessen Dach der Sicherheitsdienst der SS und die Gestapo zusammengeführt waren, zivile Ministerien wie das Reichsernährungsministerium und Wissenschaftler wie der Agrarwissenschaftler der Berliner Universität Professor Konrad Meyer waren seit 1940 damit befasst, die Vorbereitungen für den Angriff auf die Sowjetunion und den Entwurf einer Nachkriegsordnung voranzutreiben. Die Führung der Wehrmacht gab eine Reihe verbrecherischer Befehle heraus. Der sogenannte Kommissarbefehl ordnete an, dass die politischen Kommissare, den Offizieren der Roten Armee zugeordnete Kommissare der kommunistischen Partei, an der Front an Ort und Stelle ohne Gerichtsverfahren zu erschießen seien. Der deutsche Krieg richtete sich nicht allein gegen einen militärischen Gegner, sondern erklärte alle Vertreter des gegnerischen politischen Systems zu Todfeinden, denen gegenüber es keine Rücksicht geben dürfe. Dieser Geist spricht auch aus dem Erlaß der Wehrmacht zur Kriegsgerichtsbarkeit. Den Soldaten der Wehrmacht teilte der Erlaß mit, dass jegliche Handlungen der Soldaten gegenüber der Zivilbevölkerung in der Sowjetunion kriegsgerichtlich nicht belangt werden würden – ein Freifahrtschein für ungezügelte Gewalt gegen die Zivilbevölkerung in der Sowjetunion. Im Vorfeld des Angriffes auf die Sowjetunion waren der Quartiermeister der Wehrmacht und das Reichsernährungsministerium mit Versorgungsfragen befasst. Unter der Prämisse, die Wehrmacht aus dem besetzten Land zu ernähren, gingen diese Planungen kühl kalkulierend davon aus, dass die deutschen Besatzer die Bevölkerung der Großstädte in der UdSSR nicht ernähren könnten und mit dem Tod von ca. 30 Millionen Zivilisten zu rechnen sei. Der Agrarwissenschaftler Konrad Meyer entwarf in enger Absprache mit dem Reichsführer SS Heinrich Himmler eine erste Fassung des Generalplans Ost. Der Plan sah vor, die Bevölkerungen aus einem riesigen Gebiet vom Nordwesten Russlands in der Region Leningrad über das Baltikum, Teile Polens, Belarus und der Ukraine bis zum Schwarzen Meer und der Krim zu deportieren, um Platz für jene deutschen Siedler zu machen, die in Hitlers und Himmlers wahnsinniger Phantasie als Volk ohne Raum vermeintlich darauf warteten, dort angesiedelt zu werden.

Dergestalt vorbereitet folgten den Heeresgruppen Nord, Mitte und Süd der Wehrmacht unmittelbar die Einsatzgruppen und Sonderkommandos des SD der SS. Anders als beim Überfall auf Polen im September 1939 war die Kooperation zwischen Wehrmacht und SS diesmal detailliert abgesprochen. Die Gewalt, die beide unmittelbar ab dem 22. Juni 1941 verübten, ergibt in der Gesamtschau ein grauenhaftes Panorama. Der Kommissarbefehl hat von 1941 bis 1942 zu einer vierstelligen, wenn nicht sogar fünfstelligen Zahl von Todesopfern geführt. 

Die Radikalisierung des deutschen Vernichtungskriegs am 22. Juni 1941 traf nicht allein die Repräsentanten des politischen Systems der Sowjetunion. Der Ereignisablauf, den wir heute Holocaust nennen, die Ermordung der Jüdinnen und Juden Europas, nahm mit dem deutschen Überfall eine entscheidende Wendung. Nach dem Sieg über Frankreich 1940 hatte es in der nationalsozialistischen Führung noch Überlegungen gegeben, die Jüdinnen und Juden aus Europa nach Madagaskar zu deportieren. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion begann jedoch die gezielte Ermordung aller Jüdinnen und Juden Europas. Ab dem Sommer 1941 spielten sich von den Dünen an der Ostsee, über die Wälder des Baltikums und die Schlucht von Babyn Jar am Rande Kievs bis zu Orten an der Schwarzmeerküste allüberall die gleichen grausigen Szenen ab. Vor allem die deutschen Besatzer, bisweilen aber auch die litauische Polizei, ukrainische Nationalisten und rumänische Einheiten, trieben Jüdinnen und Juden zusammen, um sie in bisweilen tagelangen Massenerschießungen zu töten. Die Vernichtung der Jüdinnen und Juden Polens und des westlichen Europas in Vernichtungslagern wie Auschwitz, Sobibor, Treblinka und Majdanek ist in unserem Bildgedächtnis fest eingebrannt. Fotos vom Eisenbahngleis zum Torgebäude des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau oder von der Selektion an der Rampe haben ihren Platz in unserer Erinnerung. Ca. ein Viertel der 6 Millionen Jüdinnen und Juden, die dem Holocaust zum Opfer fielen, sind jedoch nicht in den Vernichtungslagern ermordet worden. Die deutschen Besatzer und bisweilen ihre Helfershelfer erschossen sie in den Wochen und Monaten nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion.

Mit der sogenannten Bekämpfung von Partisanen und Banden begannen die deutschen Besatzer in der Sowjetunion unmittelbar nach ihrem Angriff, als es noch gar kein Partisanenwesen in der Sowjetunion gab. Der Erlaß zur Kriegsgerichtsbarkeit und die Befehlsweitergabe durch viele Truppenführer der Wehrmacht hatten den Soldaten eingeschärft, dass sie gegen einen hinterhältigen, barbarischen Feind kämpfen würden, der auch unter der Zivilbevölkerung der Sowjetunion zu suchen sei. Rücksichtslosigkeit und größte Härte waren die deutschen Gebote des Überfalls. Allein bis zum Jahresende 1941 hatten die Deutschen im Rahmen dessen, was sie Partisanenbekämpfung nannten, zehntausende Zivilisten ermordet. Das Abbrennen ganzer Ortschaften gehörte rasch zum Repertoire deutscher Gewalt. In den Jahren der Rückzüge 1943 und 1944 steigerte sich diese deutsche Gewalt zu einer systematischen Politik verbrannter Erde und sogenannter toter Zonen, in denen die vorrückende Rote Armee weder Ortschaften noch Menschen vorfinden sollte. Allein in Belarus haben die Deutschen ca. 9000 Ortschaften niedergebrannt. In ca. 700 von ihnen haben sie dabei alle Einwohnerinnen und Einwohner in einzelnen Gebäuden wie Scheunen zusammengetrieben, verbrannt und erschossen.

Die deutsche Planung für die Nachkriegszeit sah für die großen sowjetischen Städte keine Zukunft vor. Moskau, Leningrad und Stalingrad sollten von der Erde verschwinden. Besonders verhängnisvoll wirkte sich dieses deutsche Vorhaben für die Menschen in Leningrad aus. Vom Sommer 1941 bis zum 27. Januar 1944 legte die Wehrmacht einen Belagerungsring um die Stadt, der lediglich im Norden, zum Ladogasee hin, offenblieb. Das Ziel der Deutschen war nicht die Einnahme der Stadt, sondern der Hungertod ihrer Bevölkerung. Rasch waren die Lebensmittel in der Stadt aufgebraucht. Alsbald waren auch die Hunde und Katzen, die ihren festen Platz im Alltag der Menschen gehabt hatten, nicht mehr in der Stadt anzutreffen. Tapetenleim und Ledergürtel wurden zu Lebensmitteln. Das Stadtbild war bestimmt von Schlitten, auf denen die Menschen die Leichen ihrer Familienangehörigen zu Sammelstellen und Massengräbern transportierten. In ihren Tagebüchern dokumentierten die Leningraderinnen und Leningrader, wie sie ihren Lebenswillen zusammennahmen, um die Blockade zu überleben – und wie doch 1, 1 Millionen von ihnen der deutschen Blockade zum Opfer fielen. Ein dreizehnjähriges Mädchen namens Tatjana notierte auf ihren Tagebuchbögen den Tod ihrer Familienmitglieder. Der letzte Eintrag des Tagebuchs lautet: „Es blieb allein noch Tanja“ (Осталась одна Таня).

Kaum anders erging es der Mehrzahl der Soldatinnen und Soldaten der Roten Armee, die in deutsche Kriegsgefangenschaft fielen. Sie entsprechend den Regeln des Kriegsvölkerrechts zu versorgen, war in der deutschen Planung nicht vorgesehen. Was im Deutschen Durchgangslager für sowjetische Kriegsgefangene hieß, stellte sich oft genug als eine umzäunte Fläche unter freiem Himmel dar, auf der die Kriegsgefangenen weder Nahrung noch Schutz vor der Witterung erhielten. Hunger und Krankheiten waren rasch die Folge. Wer die Strapaze der Märsche zu den Durchgangslagern überlebt hatte und womöglich sogar in ein sogenanntes Stammlager in Deutschland transportiert wurde, fand dort häufig den Tod auf den Schießplätzen der SS. 3,3, Millionen von 5,7 Millionen gefangenen Rotarmisten sind als Tote dieses Kriegsverbrechens zu beklagen.

Doch nicht allein die Wehrmacht und die SS traten als Täter in diesem Vernichtungskrieg auf. Deutsche Krankenschwestern und Ärzte gehörten ebenfalls zu den Täterinnen und Tätern. In Behindertenheimen und psychiatrischen Anstalten setzten sie die tödlichen Spritzen, um Behinderte und psychisch Kranke zu töten, für die die selbsternannten deutschen Herrenmenschen keine Zukunft vorgesehen hatten. Sexuelle Gewalt gehörte zu den alltäglichen Bedrohungen der Frauen und Mädchen in der besetzten Sowjetunion. Für ihre Bordelle trieb die Wehrmacht Frauen in die Zwangsprostitution. Und außerhalb der Bordelle kam es zu Vergewaltigungen, deren Zahl sich nie wird rekonstruieren lassen. Dass sie ein alltägliches Phänomen deutscher Besatzungsherrschaft waren, geht aus abgehörten Gesprächen deutscher Wehrmachtssoldaten in britischer Kriegsgefangenschaft noch während des Krieges hervor. Darin tauschten die Wehrmachtssoldaten Anekdoten von Gewalt gegen Kriegsgefangene, Zivilisten und Frauen aus. Auch von Vergewaltigungen haben sich die Wehrmachtssoldaten dabei freizügig gegenseitig erzählt.

Zu Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion hatte Hitler kategorisch ausgeschlossen, dass die Bürgerinnen und Bürger der Sowjetunion, die er samt und sonders als Untermenschen bezeichnete, in irgendeiner Form für die deutsche Kriegsführung und -wirtschaft von Nutzen sein könnten. Das Scheitern des „Unternehmens Barbarossa“, der Idee, die Sowjetunion 1941 in einem Blitzkrieg zu besiegen, zwang die deutsche Führung zu einem Umdenken. Ohne die zahlreichen zur Wehrmacht eingezogenen Männer fehlten der Kriegswirtschaft Arbeitskräfte. Die Lösung sah die deutsche Führung in der Ausweitung von Zwangsarbeit. Wurde 1939 in Polen und 1941 in der Ukraine anfangs noch um Arbeitswillige geworben, so gingen die Deutschen im östlichen Europa bald zu regelrechten Menschenjagden über, um die nötigen Arbeitskräfte zu rekrutieren. Frauen, Männer und Jugendliche wurden zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich deportiert. Aus ganz Europa waren ca. 13 bis 14 Millionen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Deutschland eingesetzt. Ihre Versorgung unterlag einem abgestuften System, das der rassistischen Weltsicht der Nationalsozialisten entstammte. Die mit dem Buchstaben O für Ostarbeiter kenntlich gemachten Menschen aus der Sowjetunion rangierten zusammen mit Menschen aus Polen, Sinti und Roma sowie Jüdinnen und Juden ganz am unteren Ende der rassistischen Hierarchie, die die Deutschen geschaffen hatten. Dementsprechend schlecht waren ihre Unterbringung, Ernährung und medizinische Versorgung. Die Grundsätze des rassistisch-ideologischen Vernichtungskriegs und die Erfordernisse der deutschen Kriegswirtschaft trafen sich im Konzept der Vernichtung durch Arbeit. In ganz Deutschland, in den Städten und auf dem Land, entstanden nun zahlreiche Außenstellen der Konzentrationslager, in denen die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter notdürftigst untergebracht waren, um Tag für Tag den Weg zu ihrer Zwangsarbeit anzutreten. Ohne sie hätte die deutsche Wirtschaft nicht weiter funktioniert. Ihre Marschkolonnen gehörten zum Bild des deutschen Kriegsalltags. So wurde die gesamte deutsche Gesellschaft zu einer Komplizin im Vernichtungskrieg. Die zahlreichen Gräber der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter an den entlegenen Rändern vieler deutscher Friedhöfe künden bis heute vom Ausmaß dieses Verbrechens.

Insgesamt belaufen sich die sowjetischen Opfer im deutsch-sowjetischen Krieg auf 27 Millionen Menschen: 13 Millionen militärische und 14 Millionen zivile Opfer. Sie sind Opfer eines deutschen Vernichtungskriegs geworden. Die Vielzahl der Täter auf deutscher Seite lässt es unmöglich erscheinen, die Schuld und Verantwortung für die Verbrechen des Vernichtungskriegs allein einem kleinen Zirkel nationalsozialistischer Führungspersonen und Gruppen zuzurechnen. Dass sich die wahnsinnigen Planungen der Deutschen für ein Nachkriegseuropa nicht erfüllten, das dann ein deutsch beherrschtes Imperium gewesen wäre, ist dem gemeinsamen Widerstand der Alliierten zu verdanken, zu dem die Rote Armee einen ganz erheblichen Anteil leistete und den größten Blutzoll zahlte. Die deutsche Ostfront war der größte militärische Kriegsschauplatz, den es in der Geschichte Europa je gegeben hatte. 1943 standen sich hier auf beiden Seiten der Front 11 Millionen bewaffnete Menschen gegenüber. Die Stationen des sowjetischen Sieges über Deutschland waren der gelungene Gegenschlag bei Moskau bereits 1941, die sowjetischen Siege in Stalingrad im Februar 1943 und in der Panzerschlacht bei Kursk im Sommer 1943 sowie schließlich von Warschau aus der Vormarsch auf Berlin, um das im April 1945 die letzte Schlacht des Zweiten Weltkriegs in Europa stattfand. Die Inschriften einfacher Rotarmisten im Gebäude des Reichstags in Berlin spiegeln eine schlichte Überlebensfreude wieder: „Ich war hier“ (Я здесь был.).

Der Kampf gegen die deutschen Invasoren besaß das Potential, in der Sowjetunion Staat, Partei und Gesellschaft einander wieder näherzubringen. Im Jahrzehnt vor dem deutschen Überfall hatten die Menschen in der Sowjetunion ein Wechselbad von Terror und Traum durchlebt – so der Titel eines Buches von Karl Schlögel. Zum Teil bestaunten sie fasziniert sowjetische Großprojekte und Errungenschaften und zu einem noch größeren Teil erfuhren sie massenhafte Gewalt und lebten in Angst und Furcht. Der erste Fünfjahresplan von 1928/29 war begleitet von Schauprozessen gegen vermeintlich bürgerliche Saboteure und Schädlinge des sowjetischen Aufbauwerks. Die Kollektivierung der Landwirtschaft setzte Stalin mit unbarmherziger Gewalt durch. Auf seinem Gewissen lasten Millionen toter Bauern und Nomaden, die seine Zwangskollektivierung in der Ukraine, Teilen Russlands und Kasachstans forderte. Millionen von Menschen verschwanden auf den Großbaustellen und Lagern des über die ganze Sowjetunion verzweigten Archipels Gulag. Von 1936 bis 1938 erreichte der sogenannte große Terror Stalins die kommunistische Partei, allen voran die alten Bolschewiki der Revolution von 1917, und schließlich die Führung der Roten Armee. Währenddessen fürchteten im Moskauer Hotel Lux die Mitglieder der Komintern um ihr Leben.

Doch mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion glichen sich die Erfahrungen gewöhnlicher Menschen und die Sprache der Staats- und Parteiführung einander an. Alle Familien in den besetzten Gebieten der Sowjetunion erfuhren den Terror der Deutschen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Im Sommer 1941 bewegten sich große Flüchtlingszüge aus den weißrussischen und ukrainischen Sowjetrepubliken in das Innere der Sowjetunion. In ihren Briefen zeigten Menschen sich erleichtert von Nachrichten ihrer Familienangehörigen, die sich vor der herannahenden deutschen Front in Sicherheit hatten bringen können. Zugleich machten Berichte von der Gewalt der Deutschen die Runde. Der Wunsch nach Vergeltung und der Wille die Heimat zu verteidigen ergriffen angesichts der deutschen Taten die Menschen in der Sowjetunion. Zugleich war aber auch die offizielle Rhetorik der Staats- und Parteiführung von ihnen geprägt. Die Verteidigung der Heimat begann in den Köpfen der Menschen und lässt sich bis in Gespräche in den Familien zurückverfolgen. Oberstleutnant Pjotr Moltschanow, der aufgrund eines Magengeschwürs als Dozent an einer Militärschule unterrichtete, meldete sich zur Front, nachdem seine Tochter ihn auf den Krieg angesprochen hatte: „Ich habe eine Tochter, Nina, sie ist jetzt sieben. Sie fragte mich die ganze Zeit: Papa, warum bist du nicht an der Front? Alle kämpfen, nur du nicht. Das hat mich unglaublich stark beeinflusst, was soll ich dem Kind antworten? Dass ich krank bin? Zum Kranksein war einem einfach nicht zumute. Ich ging daraufhin zum Leiter der Kreispolitverwaltung und äußerte meinen Wunsch, an die Front versetzt zu werden.“

Der heldenhafte Kampf gegen die deutschen Invasoren und die Erfahrung von Leid und Schmerz sind in den Dokumentationen, die unmittelbar während des in der Sowjetunion so bezeichneten Großen Vaterländischen Krieges erstellt wurden, zwei Topoi einer Erzählung. Eine Außerordentliche Staatliche Kommission (TschGK) war damit befasst, Verbrechen der Deutschen in der Sowjetunion zu dokumentieren, um Belegmaterial für Gerichtsprozesse und Reparationsforderungen verfügbar zu haben. Die Kommission hatte ihren Sitz in Moskau. Ihre Informationen erhielt sie jedoch von Tausenden Zuträgerinnen und Zuträgern aus den Regionen, die die Deutschen besetzt hatten. Das Material setzte sich aus Interviews mit Betroffenen vor Ort, eigenen Berichten sowie Zeichnungen und Fotografien von den Orten der Massenverbrechen zusammen. Viele dieser Berichte stammten von Frauen, deren Männer in der Roten Armee dienten, von deportierten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sowie von Partisanen. Aus ihren Berichten sprechen die Anklage deutscher Verbrechen und ein starkes Bedürfnis von Strafe und Vergeltung. Um den Moskauer Historiker Isaak Israiljetwitsch Minz hat sich zudem eine Gruppe von Historikerinnen und Historikern gebildet, die gleichfalls der Roten Armee in die befreiten Gebiete folgte, um dort mit den Menschen in unmittelbarer Nähe zu den Orten der deutschen Verbrechen Gespräche zu führen und aufzuzeichnen. Die Schriftsteller und Kriegsberichterstatter Ilja Ehrenburg und Vasilij Grossman standen an der Spitze eines weiteren Projektes, das den Genozid an den sowjetischen Juden dokumentierte. Ihr Projekt trug den Namen Schwarzbuch und ist in der Sowjetunion nie erschienen. Stalin hatte das Projekt nur so lange gutgeheißen, wie er zu Kriegszeiten das Jüdische Antifaschistische Komitee benötigte, um in der Welt um Unterstützung der Sowjetunion zu bitten. Nach 1945 geriet das Schwarzbuch in die Mühlen der Zensur, um schließlich ganz im Archiv des Geheimdienstes zu verschwinden.

Der Quellenwert dieser Dokumentationen liegt darin, bereits während des Kriegs den Menschen eine Stimme gegeben zu haben, die die deutsche Gewalt erlebt haben und sich ihr widersetzten. Später folgende Projekte sind diesem Ansatz verpflichtet. Ales Adamowitsch, der als Partisan in Weissrussland gekämpft hat, hat sich an der literarischen Dokumentation der Massengewalt gegen Menschen und Dörfer in Weissrussland beteiligt. Seine Erzählung von Chatynstellt einen Fall exemplarisch in den Mittelpunkt und ist zur Inspiration für Jelem Klimovs eindrucksvollen Antikriegsfilm Komm und sieh von 1985 (Иди и смотри, in der DDR-Fassung Geh und sieh) geworden. Gemeinsam mit Daniil Granin hat Ales Adamowitsch in den 1970er Jahren die Arbeit am Leningrader Blockadebuch begonnen. Granin und Adamowitsch haben mit einem Team Gespräche mit Leningraderinnen und Leningradern aufgezeichnet, die von ihrer Erfahrung der Blockade berichten. Die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat diese Arbeit fortgesetzt, indem sie ebenfalls auf der Grundlage von Gesprächen die Erinnerungen von Frauen und Kindern an den Krieg zum Thema gemacht hat.

Deutschland hat einen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion geführt. Diesen Staat gibt es seit dreißig Jahren nicht mehr. Sein Erbe gehört den 15 Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Besonders betroffen vom deutschen Vernichtungskrieg waren in der Sowjetunion Belarus, die Ukraine und Teile Russlands. Wir sollten aufmerksam zuhören, wie die Menschen in diesen Ländern heute mit dem sowjetischen Erbe und der Erfahrung des Krieges umgehen. Darin liegt eine zentrale Aufgabe deutscher Erinnerungskultur.

Dabei müssen wir uns auch immer wieder vor Augen halten, dass der Vernichtungskrieg Deutschlands im östlichen Europa sich nicht irgendwo in der Ferne zugetragen hat, sondern die Region der Massenverbrechen und die Nachfahren der Verfolgten uns gleich doppelt nah sind. Von Berlin nach Warschau fährt man mit dem Zug genauso lange wie von Hamburg nach München – sechs Stunden. In noch kürzerer Zeit bringen uns Flugzeuge nach Vilnius, Riga, Tallinn, Lwiw, Kiew, Minsk, St. Petersburg und Moskau. Und noch wichtiger: Die Nachfahren der Verfolgten haben uns zum Glück nicht den Rücken zugekehrt, sie leben und arbeiten mitten unter uns. Deutschlands Suche nach einer angemessenen Form des Gedenkens der Opfer des Vernichtungskriegs vollzieht sich in einer Einwanderungsgesellschaft mit polnischen, belarusischen, ukrainischen und russischen Communitys. Welch immensen Aufwand es an Emotionen und Recherche bedeutet, von Deutschland aus die eigene Familiengeschichte, die Erfahrungen der Vorfahren von Massenmord und Deportation in und aus der Ukraine im Zweiten Weltkrieg, zu rekonstruieren, haben Katja Petrowskaja und Natascha Wodin in ihren Büchern Vielleicht Esther und Sie kam aus Mariupol eindrücklich gezeigt. 

Während meiner Tätigkeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), vor etwa acht Jahren, begab ich mich an einem sonnigen Wochenende zur Tram-Haltestelle am Kurfürstenplatz. Ein Mann sprach mich an und erkundigte sich in suchendem und tastendem Deutsch nach dem Weg und den Tramlinien. In seinem Deutsch war eine vertraute russische Sprachmelodie zu hören, sodass ich mich erkundigte, ob er auch Russisch spreche. Wir setzten unser Gespräch auf Russisch fort und klärten, an welcher Haltestelle er in welche Tram umsteigen müsse. Damit schien alles gesagt. Als unsere Tram einfuhr und wir eingestiegen waren, saßen wir im hinteren Wagen am Ende auf benachbarten Plätzen. Er fragte, woher ich komme und womit ich mich beschäftige. In kurzen Sätzen fasste ich meinen Lebenslauf zusammen, von der Geburt in Hannover bis zur Beschäftigung an der LMU. Nun waren wir im Small-Talk-Modus und es war an mir zu fragen, woher er komme. „Aus Leningrad“ lautete seine kurze Antwort. „Warum sagen Sie Leningrad und nicht St. Petersburg?“, wollte ich wissen. „Wer die Leningrader Blockade überlebt hat, bleibt ein Leben lang ein Leningrader“, antwortete er. Er hatte es kaum gesagt, als wir auch schon die Station erreichten, an der ich ausstieg. Mir schien es, als ob er keine Fahrkarte bei sich hatte, und so gab ich ihm im Aussteigen noch meine Münchner Streifenkarte mit auf den Weg – um mich, kaum ausgestiegen, dafür zu schämen. „Da hat jemand die Blockade überlebt, und das einzige, was du tust, ist ihm eine Münchner Streifenkarte zu überreichen“, schoss es mir beim Aussteigen durch den Kopf. Auf dem Bahnsteig blickte ich der abfahrenden Tram hinterher. Der Mann schaute aus dem Fenster und winkte. Ich winkte zurück.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: