Bonner Gedenkveranstaltungen für die Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungskrieg in der Sowjetunion

Foto: Ines Skibinski.

von Hera Shokohi und Ines Skibinski

Am 1. September 1939 überfiel Deutschland Polen, was den Beginn des Zweiten Weltkriegs markierte. Dies war zugleich der Auftakt des Vernichtungskriegs der Nationalsozialisten in Osteuropa. Dieser Krieg radikalisierte sich am 22. Juni 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion und dem Unternehmen Barbarossa. Diesem Vernichtungskrieg auf sowjetischem Territorium fielen 27 Millionen sowjetische Zivilist:innen und Soldat:innen zum Opfer. Eines dieser Opfer war Nina, 1923 geboren in Astemowsk in der Ukrainischen SSSR, 1944 gestorben in Bonn. Nina wurde nach 1941 ins Deutsche Reich verschleppt und musste Zwangsarbeit in der Firma Soennecken leisten, die ihren Sitz im Stadtteil Poppelsdorf hatte. Heute befindet sich dort das botanische Institut der Bonner Universität und seit dem 20. Januar 2020 erinnert ein Stolperstein vor dem Institutseingang an Ninas Lebens- und Leidensweg. „Hier arbeitete Nina Baryschnikowa, Jahrgang 1923, Ukraine, Zwangsarbeiterin, deportiert, tot 1.11.1944.“ 

Stolperstein für Nina. Foto: Hera Shokohi.
Ninas Grabplatte auf dem Nordfriedhof. Foto: Hera Shokohi

Davor war der einzige Hinweis auf Ninas Existenz das Gräberfeld für sowjetische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter:innen und ihre Kinder, welches auf dem Bonner Nordfriedhof ist. Dort steht eine Grabplatte mit der Inschrift: „Nina Varyschnikowa,  11.9.1923 — 1.11.1944“ Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass ihr Nachname in der Inschrift mit einem „V“ beginnt und auf dem Stolperstein mit „B“. Im online Archiv von Bad Arolsen [1] ist der Name „Baryschnikowa“ verzeichnet. Es könnte sein, dass die Nationalsozialisten ihren Namen in den Unterlagen mit „B“ geschrieben haben und es sich dabei um einen Fehler handelt. Genauso ist aber auch möglich, dass diejenigen, die das Gräberfeld angefertigt haben, einen Fehler bei der Inschrift gemacht haben — denn das kyrillische „V“ sieht aus wie ein lateinisches „B“. Ninas Schicksal und ihr Nachleben sind symbolisch für den Tod Hunderttausender, die als Zwangsarbeiter:innen verstorben sind oder durch Gewaltakte umgebracht worden sind. Die Tatsache, dass wir ihren richtigen Nachnamen nicht rekonstruieren können und die genauen Todesumstände nicht kennen, sind ebenfalls ein Sinnbild für das mangelnde Interesse und die kaum vorhandene Auseinandersetzung mit dem Schicksal der sowjetischen Opfer des mörderischen Vernichtungskriegs, dessen Spuren wir „vor der eigenen Haustür“ entdecken können. 

Aufgrund dieser Leerstelle ist in der ehemaligen Hauptstadt der Bundesrepublik der Wunsch aufgekommen, sich auch an diese verdrängte Vergangenheit zu erinnern. Dementsprechend fanden erstmalig in der Woche vom 21.—27. Juni 2021 mehrere Gedenkveranstaltungen zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in der Stadt Bonn statt. Beworben wurden die Veranstaltungen durch die Internetpräsenzen der teilnehmenden Vereine, die Abteilung für Osteuropäische Geschichte und die Kritischen Historiker:innen.

Der Auftakt der Gedenkwoche war ein Vortrag von Prof. Dr. Martin Aust, dem Leiter der Abteilung für Osteuropäische Geschichte der Universität Bonn. Der Vortrag fand am Montag, dem 21.06. im Rahmen des Kolloquiums der Kritischen Historiker:innen statt. Die Kritischen Historiker:innen sind eine Hochschulgruppe der Bonner Universität, die sich für kritische, postkoloniale, antirassistische und feministische Ansätze in Forschung und Lehre engagiert. Derselbe Vortrag wurde am 22.06. bei einer Veranstaltung der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr gehalten. Anhand von autobiographischen Zeugnissen sowjetischer Bürger:innen und dem Präsentieren historischer Fakten und Statistiken verdeutlichte er das Ausmaß des Vernichtungskriegs: Der Überfall auf die Sowjetunion markierte die Radikalisierung des deutschen Vernichtungskriegs, so Aust. Diese Radikalisierung offenbarte sich in der Planung und Praxis der Kriegsführung: Der Überfall auf die Sowjetunion war ein maßgeblicher Bestandteil der Ideologie Hitlers — denn der Überfall galt als Kampf gegen den jüdischen Bolschewismus, der am Ende deutschen Lebensraum in Osteuropa schaffen sollte. Bereits 1940 begannen NS-Ministerien und Wissenschaftler mit der Vorbereitung des Vernichtungskriegs. Die nationalsozialistische Gewalt auf dem Territorium der Sowjetunion war ein von Anfang an radikal geplanter Vernichtungskrieg, welcher 27 Millionen sowjetischen Menschen das Leben kostete. Der gesamte Vortragstext von Martin Aust ist sowohl auf unserem Blog Bonner Leerstellen[2] als auch auf seinem eigenen Blog OstkreuzBonn veröffentlicht und kann dort nachgelesen werden.

Zentrale städtische Gedenkveranstaltung

Am 22.06.2021 fand auf dem Bonner Marktplatz die zentrale Gedenkveranstaltung für die Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs in der Sowjetunion statt. Der Marktplatz befindet sich direkt am Alten Rathaus der Stadt Bonn und ist einer der zentralen Plätze der Stadt, der oft für politische und kulturelle Veranstaltungen genutzt wird. 

An den Nationalsozialismus erinnern hier Mahnmale in Form von Bücherrücken, die in den Boden eingelassen sind: Am Marktplatz fand am 10. Mai 1933 eine nationalsozialistische Bücherverbrennung statt.[3]

Die Veranstaltung wurde von fünf lokalen Gruppen organisiert, nämlich vom Deutsch-Russischen Jugendparlament Bonn-Kaliningrad[4], Gegen Vergessen Für Demokratie e.V.[5], Aufstehen Anti-Kriegs-AG Bonn[6], Beueler Initiative gegen Fremdenhass[7] und der Beueler Friedensgruppe. Alle Gruppen engagieren sich auf unterschiedliche Weise für demokratische Werte und interkulturellen Austausch. Sprecher:innen waren diplomatische Vertreter der Russischen Föderation und der Republik Belarus: Denis Sidorenko (Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter der Republik Belarus in Deutschland), Alexey Dronov (Generalkonsul der Russischen Föderation in Bonn). Zudem sprachen auch Prof. Dr. Martin Aust (Universität Bonn) und Jelena Krusch (Vorstand des Deutsch-Russischen Jugendparlaments Bonn-Kaliningrad). Zusätzlich begleiteten Aleksander Pankov und Olga Belyaeva, ein Akkordeon-Duo, zwischen den einzelnen Redebeiträgen die Veranstaltung mit Musikstücken. Eingeladen waren zudem ein Vertreter der Ukraine und Katja Dörner, die Oberbürgermeisterin der Stadt Bonn. Katja Dörner habe laut Jens Koy, dem Moderator der Veranstaltung, ihre Teilnahme verweigert mit der Begründung, sich angesichts der tagesaktuellen politischen Lage nicht instrumentalisieren lassen zu wollen. Aus diesem Grund habe sie auch, so Koy, dafür gesorgt, dass keinerlei andere städtische Vertreter:innen anwesend seien. Der ukrainische Botschafter habe ebenfalls seine Teilnahme abgesagt, weil er nicht mit dem russischen und belarussischen Botschafter auf einer Bühne stehen wolle. 

Denis Sidorenko auf dem Bonner Marktplatz. Foto: Hera Shokohi.
Martin Aust auf dem Bonner Marktplatz. Foto: Hera Shokohi.
Alexej Dronov auf dem Bonner Marktplatz. Foto: Hera Shokohi
Jelena Krusch auf dem Bonner Marktplatz. Foto: Hera Shokohi.

Als erstes sprach Sidorenko, der Botschafter der Republik Belarus.[8] Der 22. Juni sei ein besonders tragisches Datum — er bezeichnete den Tag als den Anfang des schrecklichsten Kapitels des Zweiten Weltkriegs, als eine zivilisatorische Katastrophe. Er ging unter anderem darauf ein, dass Belarus prozentual den größten Bevölkerungsverlust erlitten habe. Da während des deutschen Vernichtungskriegs ungefähr 3 Millionen belarussische Menschen umgekommen sind, präge diese Erfahrung acht Jahrzehnte später die Nation und das kollektive Bewusstsein, so Sidorenko. Es sei notwendig und richtig, dass man nicht nur der Opfer des Zweiten Weltkriegs und der NS-Gewaltherrschaft gedenkt, sondern auch denen, die im Kampf für die Befreiung Europas ihr Leben verloren haben. Die deutschen Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus seien eine tiefe Wunde in der Geschichte Europas — aber diese Last der Vergangenheit gelte es zu überwinden und das Gedenken müsse man bewahren, um für Annäherung und Versöhnung zu sorgen sowie Neonazismus, Rassismus und Antisemitismus zu bekämpfen. 

Auf den Redebeitrag von Denis Sidorenko folgte dann die Ansprache von Alexey Dronov, dem Generalkonsul der Russischen Föderation.[9] Dronov begann seine Rede damit, dass er auf die Relevanz der Erinnerung an die 27 Millionen gefallenen Sowjetbürger:innen einging. Zugleich dürfe man aber nicht die anderen Opfer des Krieges vergessen, die nicht direkt durch den Vernichtungskrieg umgekommen seien, so Dronov. Das Gedenken an Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangene sei ebenso wichtig. Die Rolle der Erinnerung an die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten sei maßgeblich für internationalen Frieden, denn nur so könne man Ungerechtigkeit verhindern — Ungerechtigkeit sei nämlich, so Dronov, die Quelle jedes Konfliktes und jeder Gewalt. Für ein stabiles, friedliches Miteinander sei somit die Bekämpfung von Ungerechtigkeit von großer Bedeutung. Aus diesem Grund sei kein Frieden gewährleistet, wenn eine Nation ihre eigenen Interessen und ihre eigene Ideologie über die anderer Nationen stelle. Dronov sagte zudem, dass heute manche politischen Kreise eben von diesen Konzepten der rassischen, nationalen und zivilisatorischen Überlegenheit geprägt seien. Als Menschen einer globalen, multipolaren Welt, müsse man stets wachsam sein und Schulter an Schulter für den Kampf für die Wahrheit und den Frieden beisammenstehen und gegen Versuche Trennlinien zwischen Völkern zu schaffen, vorgehen, und die gesellschaftspolitischen und ideologischen Mechanismen des Kalten Krieges zurückweisen. Aufgrund globaler Herausforderungen, wie zum Beispiel dem Klimawandel und sozialer Ungerechtigkeit, sei internationale Zusammenarbeit besonders wichtig. Zum Ende seiner Rede wandte er sich einer Gruppe von Zuschauer:innen zu, die ein Banner mit der Aufschrift „Dank euch, ihr Sowjetsoldaten“ hielten. Er bedankte sich für das Banner und sprach noch über die Bedeutung der Roten Armee im Kampf gegen den nazideutschen Faschismus, bevor er abschließend ein Gedicht auf Russisch vortrug. 

„Dank euch, Ihr Sowjetsoldaten!“ Foto: Ines Skibinski.

Als nächstes hatte Martin Aust, Professor an der Abteilung für Osteuropäische Geschichte der Bonner Universität, das Wort. Aust berichtete, ähnlich wie im eingangs erwähnten Vortrag, von den Dimensionen der nationalsozialistischen Gewalt in den von den Deutschen besetzten Gebieten der Sowjetunion. Er betonte erneut die Radikalisierung des Vernichtungskriegs 1941, dessen Auftakt bereits der Überfall auf Polen 1939 war. Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion habe viele unterschiedliche Menschengruppen getroffen: Jüdinnen und Juden in der Sowjetunion und in Europa, sowie die gesamte Zivilbevölkerung auf sowjetischem Territorium, welches von den Deutschen besetzt war, fielen der mörderischen und rassistischen Ideologie des Vernichtungskriegs zum Opfer. Die Gewalt der Nationalsozialisten äußerte sich in Vergewaltigungen, Massenerschießungen, Belagerungen und Verhungern-Lassen , Bau von Konzentrationslagern, aber auch in der Verschleppung von Zivilist:innen nach Deutschland, um diese in der Zwangsarbeit einzusetzen. 

Die letzte Rednerin der Veranstaltung war Jelena Krusch, die im Vorstand des Deutsch-Russischen Jugendparlaments Bonn-Kaliningrad ist. Krusch berichtete ebenfalls von dem Ausmaß der NS-Gewalt auf sowjetischem Territorium und nannte einige Beispiele. Sie berichtete von Babyn Jar in der Ukraine, wo innerhalb von zwei Tagen rund 100.000 Menschen ermordet wurden — Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, und sowjetische Kriegsgefangene. Sie erwähnte auch das Dorf Chatyn in Belarus, welches zum Symbol für eine Gewaltpraxis der Deutschen wurde: Das Niederbrennen ganzer Dörfer und die Ermordung ihrer Einwohner. Als „eklatantestes Kriegsverbrechen“ bezeichnete Krusch die Belagerung von Leningrad. Die Wehrmacht belagerte die Stadt drei Jahre lang und über eine Millionen Menschen starben an den Folgen von Hunger und Kälte. Krusch sagte mit Hinblick auf die Gewaltgeschichte des Zweiten Weltkriegs, dass die heute lebende jüngere Generation das Glück habe, in Frieden behütet aufwachsen zu dürfen — dies sei jedoch nicht selbstverständlich, denn der Frieden in Europa sei harterkämpft. Aus diesem Grund müsse man auch heute gegen Fremdenfeindlichkeit, Hass und Hetze agieren. Dementsprechend organisiere das Jugendparlament seit vielen Jahren Gedenkveranstaltungen und Zeitzeug:innengespräche, damit die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht in Vergessenheit geraten. Zum Schluss bezog sie sich auf die Rede, die der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nur einige Tage zuvor im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst hielt: Diese Rede sei ein großer Beitrag dazu, dass das Gedenken an die sowjetischen Opfer der NS-Gewalt auch auf Bundesebene stattfinde und dass die Geschichtskultur, welche sich im Kalten Krieg entwickelte und den Vernichtungskrieg in der Sowjetunion zu einem blinden Fleck der Erinnerungskultur mache, Schritt für Schritt aufgelöst wird.

Gedenkveranstaltung auf dem Nordfriedhof

Am Samstag, den 26.6.2021, fand erstmalig in Bonn eine Gedenkveranstaltung am Nordfriedhof im Stadtteil Auerberg statt, um den dort beigesetzten verschleppten Zwangsarbeiter:innen, Kriegsgefangenen und deren Kindern zu gedenken, die in Bonn Zwangsarbeit leisten mussten und dabei ums Leben gekommen oder ermordet worden sind. Die Beueler Friedensgruppe hat dieses Treffen in Zusammenarbeit mit der Bonner NS-Gedenkstätte im Rahmen des Gedenkens an die Vernichtungskrieg im Osten Europas organisiert. Diese Veranstaltung reiht sich in das 2021 erstmalig stattfindende Erinnern an den 22. Juni 1941 und den Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion ein. 

Gräberfeld auf dem Nordfriedhof. Foto: Hera Shokohi.

Auf dem Nordfriedhof in Bonn-Auerberg befindet sich ein Gräberfeld von ehemaligen Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangenen sowie ihren Kindern, die in Bonn zwischen  1941 und 1945 verstorben sind. Man findet insgesamt 94 schlichte Grabplatten aus einfachem Stein dort vor. Dabei handelt es sich um 20 Frauen, 44 Männer und 30 Kinder. All diese Menschen wurden Opfer des Nationalsozialismus und der faschistischen Ideologie Adolf Hitlers. Auf den Grabsteinplatten des Feldes sind Namen in kyrillischer Schrift eingemeißelt. Man sieht, dass sich jemand um das Gräberfeld kümmert, jedoch sind manche der Inschriften, aufgrund der Witterung schwer lesbar. Auf manchen kann man das Geburts- und Sterbedatum erkennen, bei einigen findet man konkrete Daten, bei einigen sie die Angaben jedoch nur geschätzt. Dabei fällt auch auf, dass in manchen Gräbern, neben vorwiegend jungen Frauen und Männern, Kinder liegen, die zum Teil ihr erstes Lebensjahr nicht erreicht haben. An den Namen kann man erkennen, dass es sich um Menschen unterschiedlicher Herkunft handelt. Einige Namen muten an Russisch zu sein, einige Ukrainisch, andere wiederum Polnisch. Bei den Menschen, die dort beigesetzt sind, handelt es sich zumeist um Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter:innen der Firmen Soennecken und der H. Moeller AG, sowie Menschen die auf landwirtschaftlichen Gütern von Privatpersonen gearbeitet haben.[10]

Die Gedenkveranstaltung fand um 16 Uhr Nachmittags an einem Samstag statt. Die Stelle, an der sich die Gräber befinden liegt ziemlich zentral in Nordfriedhof, die Beschilderung könnte jedoch eindeutiger sein. An dem Gräberfeld ist ein orthodoxes Kreuz angebracht, dass auf die sowjetischen Opfer aufmerksam machen soll.  Es waren ungefähr 40 bis 50 Menschen anwesend, darunter Mitglieder der Beueler Friedensgruppe, des Deutsch-Russischen Jugendparlaments sowie Angehörige der Abteilung für Osteuropäische Geschichte der Universität Bonn. Bemerkenswert war, dass viele der Anwesenden gekommen waren,  obwohl sie keinen fachlichen Bezug zum Thema hatten, aber dennoch den Opfern der Zwangsarbeit in Bonn erinnern wollten. Neben Spaziergänger:innen waren auch Familien und Schüler:innen bei der Gedenkfeier anwesend. Mit einer Teilnehmerin kamen wir ins Gespräch und sie erzählte uns von ihrem Interesse am Thema. Sie war weder Nachkommin, noch anders mit dem Thema Zwangsarbeit verbunden. Trotzdem hat sie teilgenommen und wollte sich über die Zeit, in der sie geboren wurde, informieren. Zufällig fand sie ein Grabstein, der ihr Geburtsdatum aufwies. Daraufhin berichtete sie davon, dass die NS-Vergangenheit in ihrer Familie verschwiegen wurde und sie deshalb das Bedürfnis hat, sich mit dem Schicksal der Opfer zu beschäftigen.

Anwesend waren auch Astrid Mehmel, Leiterin der Bonner NS-Gedenkstätte und Jens Löffler, Archivar der Gemeinde Alfter. Auffällig war, dass auch hier weder die Bonner Oberbürgermeisterin Katja Dörner noch ein anderer politischer Vertreter der Stadt Bonn anwesend waren. Wie zuvor erwähnt, hatte die Oberbürgermeisterin den Auftritt bei der Gedenkveranstaltung am 22.6.21 am Bonner Rathaus abgesagt. Im Gegensatz zu der Veranstaltung am Marktplatz vier Tage zuvor, waren hier am Nordfriedhof weder der belarussische noch der russische Botschafter anwesend. Katja Dörner jedoch auch nicht. Dies hätte der richtige Moment sein können Anteilnahme zu zeigen. Diese Möglichkeit wurde jedoch ungenutzt gelassen.

Zur musikalischen Untermalung war das Akkordeon-Duo anwesend, welches schon die Veranstaltung am Marktplatz musikalisch begleitet hatte. Diese Musik hat dem Gedenken eine ganz besondere Atmosphäre verliehen. Geleitet wurde das Gedenken von Etta Fennekohl, die der Beueler Freidensgruppe angehört und dieses Treffen mitorganisiert hat. In ihrer Rede legte Fennekohl den Fokus auf die Art, wie die Menschen in den besetzten Ostgebieten (Zwangs-)Rekrutiert wurden und wie schwer das Leben in Gefangenschaft und Zwangsarbeit sich gestaltete, insbesondere für schwangere Frauen.

Aufgrund von Mangel an Arbeitskräften, wurden Menschen aus dem deutschbesetzten Osteuropa anfangs mehr oder minder freiwillig rekrutiert.[11] Viele erhofften, sich so das Überleben während des Kriegs zu sichern. Die Realität sah jedoch oft anders aus, als man sich vorgestellt hatte. Als bekannt wurde, dass die Lebensbedingungen in Deutschland miserabel waren, meldeten sich immer weniger Menschen freiwillig für diesen Dienst, sodass daraufhin Menschen von der Straße unter willkürlicher Einwirkung von Zwang und Gewalt festgenommen wurden und zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht wurden.[12]Minimalrationen an Nahrung, menschenunwürdige Unterbringung, schwere körperliche Arbeit, bis hin zu psychischen und physischen Misshandlungen mussten diese Menschen über sich ergehen lassen. Einige der jungen Frauen wurden während der Zwangsarbeit schwanger. Anfangs wurde eine Schwangerschaft als Grund angesehen, die Frau wieder zurück in ihre Heimat zu schicken, da sie nicht mehr voll arbeitsfähig war. Selbsterklärend nutzten viele diese Möglichkeit, um der Zwangsarbeit zu entgehen. Als die deutschen Behörden dies merkten, wurde diese Möglichkeit der Rückkehr in die Heimat schnell unterbunden.[13] Nun mussten die Frauen, die ein Kind erwarteten bis zwei Wochen vor der Geburt sowie kurz nach der Endbindung körperlich wieder schwer arbeiten. Dies führte unweigerlich dazu, dass sie sich nicht um ihre Neugeborenen kümmern konnten. Die meisten Kinder, die in Zwangsarbeit zur Welt kamen, waren unterernährt und verwahrlosten, weil die Mütter arbeiten mussten. Auch wurden Kinder in Ausländerkinder-Pflegestätten gebracht, wo sie verwahrlosten und keinen Kontakt zu ihren Müttern hatten.[14] Viele starben dort an Unterernährung, mangelnder Hygiene oder aufgrund allgemeiner Verwahrlosung. Dies ist auch der Grund warum so viele Gräber von Kleinkindern am Nordfriedhof zu finden sind.

Nach der Rede wurden die Namen der Verstorbenen von zehn Personen vorgelesen. Während jeder Name einzeln verlesen wurde, wurde eine weiße Rose auf den dazugehörigen Grabstein gelegt. Abschießend wurde eine Schweigeminute zu Ehren der Opfer gehalten.  Abschließend richtete Fennekohl mahnende Worte an die Anwesenden:

„Fern ihrer Familien und ihrer Heimat befinden sich hier die Gräber (…), derer die in den Kriegsjahren in Bonn ums Leben gekommen sind. Die deutsche Wehrmacht hatte ihre Heimatländer überfallen, und sie wurden wie viele hunderttausend andere Menschen nach Nazideutschland verschleppt. Unter elenden Bedingungen mussten sie hier Zwangsarbeit leisten. Daran gingen sie zu Grunde und erlebten die Befreiung nicht. Wir gedenken ihrer mit einer Schweigeminute und lassen uns von den vielen Millionen Opfern der Nazidiktatur mahnen: Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“[15]

Das Vorlesen der Namen. Foto: Hera Shokohi.
Gedenkstein, der den Eingang zum Gräberfeld markiert. Foto: Hera Shokohi.

Dieses Zeichen und das Erinnern dieser Menschen ist wichtig, da ihre Heimat und somit auch die Familie und Bekannten, die das Gedenken aufrecht erhalten könnten, hunderte bis hin zu tausenden Kilometer entfernt sind. Alleine um die in kyrillischen Lettern geschriebenen Namen zu entziffern musste die Beueler Friedensgruppe Hilfe von Ludmila Fleitling, Vitalij Krusch, sowie Anastasia Kussnitzova bekommen. An diesen Umständen lässt sich erkennen, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass diese Gräber je Aufmerksamkeit bekommen haben, wenn es bis heute keine Transliteration der Namen gibt. Diesen traurigen Umstand sieht man auch an dem Grab von der zuvor erwähnten Nina, die exemplarisch für die Stellung der sowjetischen Zwangsarbeiter:innen in der deutschen Erinnerungskultur steht.  Sie ist die erste Zwangsarbeiterin, die in Bonn einen eigenen Stolperstein bekam, in der Kirschallee wo sich die Firma Soennecken befand, in der sie Zwangsarbeit leisten musste. Bei der Einsetzung ihres Stolpersteins im Januar 2020 war kein einziger Mensch anwesend, der ihr gedachte. Dies zeigt, was für eine Leerstelle das Gedenken an Zwangsarbeiter:innen nicht nur in Bonn, sondern in ganz Deutschland ist.

Das erklärte Ziele dieser Veranstaltung ist nun dieses Gedenken nicht ruhen zu lassen, sondern es zu etablieren, dass man sich jedes Jahr trifft und die Namen der toten Zwangsarbeiter:innen in Bonn auf dem Nordfriedhof vorgelesen werden. Gerade wenn dieses Gedenken in unserer Stadt Platz findet, werden wir und auch die nachfolgenden Generationen sehen können, dass der Zweite Weltkrieg auch zivile Opfer vor unserer eigenen Haustüre gefordert hat und nicht nur weit entfernt in dem bislang kaum bekannten Osteuropa.

Perspektiven der Erinnerung

Die Veranstaltungen, die dem gesellschaftlichen Wunsch zu gedenken entsprungen sind, haben sich auf unterschiedliche Weisen mit dem Vernichtungskrieg befasst und lassen sich aufgrund der recht hohen Anzahl an Teilnehmer:innen und Zuschauer:innen als Erfolg zu verbuchen – viele der Veranstaltungen hatten über 50 Teilnehmer:innen. Trotz des Erfolges der veranstaltungsreichen Woche, war deutlich zu spüren, welche Rolle Tagespolitik in der Erinnerungskultur spielt und was für einen gesellschaftlichen Druck sie ausüben kann: So verweigerten der ukrainische Botschafter und die Bonner Oberbürgermeisterin ihre Teilnahme an den Veranstaltungen mit (tages-)politischen Begründungen. Der ukrainische Botschafter fehlte zuvor auch bei der Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier im Deutsch-Russischen Museum Berlin Karlshorst. Seine Abwesenheit begründete er damit, dass es für Ukrainer:innen bedenklich sei, dass diese Veranstaltung in genau an diesem Ort stattfinde, weil im  Namen des Museums nur Russland erwähnt wird– nicht aber die Ukraine oder Belarus, obwohl diese Länder ebenso unter deutscher Gewalt und deutschem Terror gelitten haben. Die Anwesenheit eines russischen Diplomaten bei der Berliner Veranstaltung war ihm ebenfalls ein Dorn im Auge: Ein gemeinsames Gedenken mit einem russischen Botschafter sei schlichtweg nicht möglich.[16] Ähnlich war die Begründung für die Absage zur Bonner Veranstaltung: Man wolle nicht mit Vertretern des russischen und belarussischen Staates gemeinsam an den Vernichtungskrieg gedenken. Der Grund hierfür liegt in dem historisch-politisch angespannten Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine, was sich immer wieder auf unterschiedliche Art und Weise manifestiert und äußert. Die Absage an das gemeinsame Gedenken ist eine Spielart dieses politischen Konfliktes.

Die Etablierung einer gemeinsamen Erinnerung an die Gewalt der Nationalsozialisten würde aus unserer Sicht eine Möglichkeit zur politischen Deeskalation und einer gegenseitigen dialogischen Annäherung der betroffenen Gesellschaften führen. Schlägt man gemeinsames Gedenken im vorhinein aus, belastet dies die internationalen Beziehungen nur noch mehr. Da der ukrainisch-russische Konflikt seit 2014 die Beziehung der beiden Länder zueinander prägt und in der geopolitischen Aggression Russlands gegenüber der Ukraine ihren Höhepunkt fand, ist es nachvollziehbar, dass der ukrainische Botschafter das gemeinsame Gedenken mit Russland ablehnt. Die Absage der Oberbürgermeisterin ist aber etwas anderes: Viele sehen die offiziellen Repräsentanten des deutschen Staates  in der Pflicht, sich zu erinnern – weil Deutschland der rechtliche Nachfolgestaat des Deutschen Reiches ist. Somit wäre es wünschenswert und wichtig, hier Präsenz zu zeigen und diese Verbrechen zu vergegenwärtigen anstatt zu sie verschweigen.

Trotzdem sehen wir die Gedenkwoche in Bonn als einen Erfolg, denn sie hat aufgezeigt, dass es in dieser Stadt den zivilgesellschaftlichen Wunsch gibt, den sowjetischen Opfern der Nationalsozialisten zu gedenken. Die Teilnahme von Schulklassen, lokalen Vereinen und weiteren Akteur:innen spricht sehr dafür, dass diese Leerstelle in Bonn gefüllt werden möchte. Seitens der städtischen Institutionen lässt sich auch auf eine Besserung hoffen: Seit Mai 2021 ist Martin Aust im Vorstand der NS-Gedenkstätte und ist bestrebt die Erinnerung an Zwangsarbeiter:innen aus Polen und der Sowjetunion zu vergegenwärtigen und zu verfestigen. Dies ist ein Hoffnungsschimmer, da nun auch Osteuropa-Expertise in der NS-Gedenkstätte ihren Platz gefunden hat.[17]

Das Jahr 2021 ist ein Meilenstein in der Erinnerung an die osteuropäischen Opfer des NS-Vernichtungskriegs: Die Gedenkrede des Bundespräsidenten ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass diese bisher vergessene Opfergruppe zunehmend ins Licht rückt und auch auf Bundesebene an sie erinnert wird. Schicksale wie das von Nina, der sowjetukrainischen Zwangsarbeiterin, finden Schritt für Schritt einen Weg in das kollektive Gedächtnis der deutschen Gesellschaft. 


[1] https://arolsen-archives.org.

[2] Bonner Leerstellen: https://bonnerleerstellen.net/2021/07/02/22-juni-2021-der-80-jahrestag-des-deutschen-uberfalls-auf-die-sowjetunion/

OstkreuzBonn: https://ostkreuzbn.hypotheses.org/99.

[3] Stadt Bonn: Jahrestag der Bücherverbrennung, URL: https://www.bonn.de/themen-entdecken/bildung-lernen/jahrestag-buecherverbrennung.php (Stand 04.08.2021).

[4] Deutsch-Russisches Jugendparlament Bonn-Kaliningrad: https://jufo-bonn-kaliningrad.de/.

[5] Gegen Vergessen für Demokratie e.V.: https://www.gegen-vergessen.de/startseite/.

[6] Aufstehen – Antikriegs-AG Bonn: https://antikriegsagbonn.wordpress.com/.

[7] Beueler Initiative gegen Fremdenhass: https://beuelerinisyrienfluechtlinge.wordpress.com/beueler-initiative-gegen-fremdenhass/.

[8] Wir danken herzlich dem Deutsch-Russichen Jugendparlament Bonn-Kaliningrad und der Botschaft der Republik Belarus dafür, dass uns das Manuskript der Rede von Sidorenko zur Verfügung gestellt wurde.

[9] Wir danken herzlich dem Deutsch-Russischen Jugendparlament Bonn-Kaliningrad und dem Generalkonsulat der Russischen Föderation in Bonn dafür, dass uns das Manuskript der Rede von Dronov zur Verfügung gestellt wurde.

[10]  Vgl. Hildt, Julia / Lenz Britta: „Ostarbeiterinnen schlagen gut ein…“ Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der Ukraine, Russland und Weißrussland in Bonn 1941- 1945  Dahlmann, Dittmar / Kotowski, Albert / Schloßmacher, Norbert / Scholtyseck, Joachim (Hg.): „Schlagen gut ein und leisten Befriedigendes“ Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Bonn 1940-1945, Bonn 2006, S.59/60.

[11]  Vgl. Hildt, Julia / Lenz Britta: „Ostarbeiterinnen schlagen gut ein…“ Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der Ukraine, Russland und Weißrussland in Bonn 1941- 1945, in: Dahlmann, Dittmar / Kotowski, Albert / Schloßmacher, Norbert / Scholtyseck, Joachim (Hg.): „Schlagen gut ein und leisten Befriedigendes“ Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Bonn 1940-1945, Bonn 2006, S.31.

[12] Vgl. Kotowski, Albert: Die Rekrutierung der Zwangsarbeiter im besetzten Polen, in:Dahlmann, Dittmar / Kotowski, Albert / Schloßmacher, Norbert / Scholtyseck, Joachim (Hg.): Zwangsarbeiterforschung in Deutschland, Das Beispiel Bonn im Vergleich und im Kontext neuer Untersuchungen, Essen 2010, S.31.

[13] Vgl.  Hildt, Julia: Russische und ukrainische Zwangsarbeiter in Bonn während des Zweiten Weltkriegs, Bonn 2004, S.66.

[14] Vgl. Hraber, Roman: Skazane na zagłaę. Praca miewolnicza kobiet polskich w III Rzeszy i los ich dzieci, Katowice 1989, S.9.

[15] Auszug des unveröffentlichtes Redemanuskript Etta Fennekohl. Wir danken für die Zurverfügungstellung des Manuskripts.

[16] Botschaft der Ukraine in der Bundesrepublik Deutschland: Schreiben an den Direktor des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst Herrn Dr. Jörg Morré bezüglich der Absage auf Einladung zur Ausstellungseröffnung am 18. Juni, URL: https://germany.mfa.gov.ua/de/news/list-direktoru-nimecko-rosijskogo-muzeyu-berlin-karlsgorst-jorgu-morre-shchodo-vidmovi-v-uchasti-u-vidkritti-vistavki-18-chervnya-u-comu-muzeyi (Stand 04.08.2021); Leithäuser, Johannes: Bundespräsidialamt weist Kritik an Weltkriegs-Gedenken zurück, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2021, URL: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/weltkriegs-gedenken-kritik-des-ukrainischen-botschafters-17392912.html (Stand: 04.08.2021).

[17] Gedenkstätte Bonn: Einladung zur Mitgliederversammlung, URL: http://www.ns-gedenkstaetten.de/fileadmin/files/user_upload/Einladung_Mitgliederversammlung_2021.pdf (Stand: 04.08.2021).


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