Leerstellen – Lehrstätten

von Dr. Ekaterina Makhotina

Zur Einleitung

Vor 75 Jahren endete mit der Kapitulation des NS-Deutschlands der Zweite Weltkrieg in Europa. Das Gedenken an den Krieg muss sich in diesem Jahr ebenfalls ins Private zurückziehen – wie alle öffentliche Veranstaltungen, die wegen der Pandemie nicht stattfinden können. In den letzten Aprilwochen haben mehrere KZ-Gedenkstätten in Deutschland die Befreiungsfeier ins Internet verlagert, die Opfer und deren Angehörigen konnten nicht anreisen. Historiker, Gedenkstättenleiter und Erinnerungsaktivisten nutzten die neuen Medien, um zu zeigen, dass die Erinnerung auch nach 75 Jahren ungemein wichtig ist und aufrechterhalten werden soll. Ihre aufrichtigen Worte in den Video-Botschaften richteten sich nur an die Opfer und ihre Nachkommen. Sie richteten sich auch an die deutsche Gesellschaft, um zu demonstrieren, dass es noch immer extrem wichtig ist, den Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit abzuwehren. Die „Nie-Wieder“-Botschaft ist auch heute eine aktuelle Erinnerungspflicht.

Die Orte, an denen sich die ehemaligen KZ-Häftlinge sonst jährlich versammeln, – ehemalige KZ-Lager, Gefangenenlager, Orte der Zwangsarbeit – sind historische Orte, an denen diese Frauen und Männer gelitten haben. Sie wurden gegen ihren Willen dorthin verschleppt, gequält, zur Arbeit gezwungen, schikaniert, den Tod der Kameraden mitangesehen, den Tag der Befreiung durch die Alliierten erlebt. Hat es in der Deutschen Öffentlichkeit bis 1985 gedauert, als der Bundespräsident Richard von Weiszäcker den Befreiungsdiskurs zur Sprache brachte, war es für die auf dem deutschen Boden Inhaftierten nie etwas anderes gewesen als Befreiung. Am Tag ihrer Befreiung – oder am Tag des Sieges in der Sowjetunion – bekamen Menschen die Gewissheit, dass sie nicht mehr sterben müssen. „Für mich ist es gleichsam ein zweiter Geburtstag“, formulierte einmal Leonid Rubinstein, ein Überlebender aus der Sowjetunion, der im KZ Dachau war.1 Sich zu sehen, zu treffen war für die Zeugen sehr wichtig – und wird immer wichtiger, je weniger am Leben sind.

Nicht nur für die NS-Opfer haben die historischen Orte eine starke Aura. Für die Gedenkstätten-Besucher entfaltet der authentische Ort eine ungemeine Energie: Es weist darauf hin: „es ist hier geschehen“, bietet die Spuren der Verbrechen, corpus delicti, übt eine unheimliche Faszination, die oft in die Faszination des Schreckens überschlägt. Die staatlich finanzierten, gut ausgebauten Gedenkstätten in Deutschland stellen die Grundlage der Gedenkinfrastruktur her. Sie sind Museen des historischen Wissens, Orte des historischen Lernens, der nationalen Selbstvergewisserung, Lernorte für Menschenrechte, bieten Plattform für Jugendbegegnungen und werden von den Politikern nicht zuletzt als Bühne für staatstragende Rituale und Statements über die Lehren aus der Geschichte genutzt. Es sind Orte, an denen der Staat, der seine kollektive Identität auf der historischen Verantwortung für das NS-Verbrechen aufbaut, auf die nicht-staatlichen Akteure trifft, – auf die Erinnerungsgemeinschaften, die den zivilgesellschaftlichen Funken in der Erinnerungskultur aufrechterhalten.

Doch neben den großen, staatlich geförderten monumentalen KZ-Gedenkstätten wie Dachau, Neuengamme, Buchenwald u.a. gibt es in Deutschland Orte, die mit  der Geschichte der NS-Gewalt verbunden, aber kaum bekannt sind.2 Es sind Kriegsgräberstätten für die sowjetischen Kriegsgefangenen und die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Osteuropa. Meistens sind es Grabstätten außerhalb des Friedhofsgeländes oder an deren Peripherie, die Grabplatten sind in die Jahre gekommen, die Inschriften kaum lesbar, oft fehlerhaft, unvollständig. Es sind Orte der Zwangsarbeit: die Fabriken, Beitriebe, Bauernhöfe, Steinbrüche und Lager, an denen die sog. „Ostarbeiter“ zusammengepfercht gehalten wurden. Über die meisten dieser historischen Orte ist buchstäblich „Gras gewachsen“. Wenn sie eine Aura entfalten, dann eine bedrückende – über die  „Kultur des Vergessens“ (Paul Ricoeuer). Hier, im Gegensatz zu den großen monumentalen Gedenkstätten, ist der Staat nicht präsent. Das Gedenken ist hier die Sache der Zivilgesellschaft. Zum Beispiel: Das Bonner Stadtarchiv konnte die alten Melderegister ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die eine Entschädigung beantragt hatten, erst durch großzügige Spende einer Bonner Bürgerin auswerten.3 Und es waren meistens Amateurhistoriker, die am Anfang der Forschungs- und Gedenkarbeit standen: Die „zufällige“ Entdeckung der verwitterten Grabplatten regte weitere Forschung an.4 Es sind lokale Erinnerungsakteure, deren Enthusiasmus und das selbstlose Einsetzen für das Gedenken beeindrucken – Geschichtsvereine wie die Vereine in Frechen, Hürth, Rösrath, Denkmal- und Geschichtsverein Bonn-Rechtsrheinisch; Schulklassen, die unter Leitung der engagierten Lehrer Projekte machen und Denkmale aufstellen wie in Bonn-Beuel; Bürgerinitiativen wie „Beueler Initiative gegen Fremdenhass“, Parteien (DIE LINKE; SPD), die Opferverbände, die sich traditionell fürs Gedenken einsetzen, wie der VVN-BdA, oder einzelne Bürger, wie Peter Mohr in Rheinbach.5 Besondere Aufmerksamkeit verdienen russischsprachigen Erinnerungsaktivisten in der Region.6 „Erinnerung für die Zukunft e.V.“ und „Gedenken e.V.“ in Köln und Düsseldorf setzen sich für die Rekonstruktion der Namen der Gefallenen Kriegsgefangenen und der hier umgekommenen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ein, pflegen Grabstätten und organisieren Gedenkveranstaltungen. Hier besteht eine bemerkenswerte Kontinuität der Adressaten der Erinnerungsbotschaften: Waren die allerersten Denkmale in den späten 1940ern von den russischsprachigen DP’s errichtet und mit Inschriften auf Russisch versehen, sind es heute wieder die „Russen“, die diesen Kriegstoten gedenken.

Im Projektseminar „Leerstellen – Lehrstätten?“ zu den unbekannten Orten der NS-Gewalt in Bonn und Umgebung haben sich unsere Autorinnen und Autoren, – Studierende an der Universität Bonn, – mit eben diesen Orten beschäftigt: mit den verwitterten und vergessenen Grabstätten für sowjetische Gefangene und die „Ostarbeiter“, mit den Orten der Zwangsarbeit, den zivilgesellschaftlichen Erinnerungsakteuren und den sozialen Praktiken des Gedenkens. 

Die Lust unserer Autoren an der Feldforschung wurde durch gleich mehrere Fragezeichen in der Historiografie7 angeregt – die Friedhöfe werden in den veröffentlichten Mahnmalführern als „Russengräber (?)“ eingeordnet – die kyrillische Schrift lässt die Autoren vermuten, dass es um die russischen Toten geht.8 Doch ist es wirklich so? Wenn man die Inschriften auf den Grabsteinen entziffert, wird es für die schriftkundigen Leser klar, dass viele von diesen Namen ukrainisch, polnisch, belarussisch, jugoslawisch sind. Ein weiteres Fragezeichen ist nach der Identität dieser Opfer: Wer waren diese Frauen und Männer? Warum waren sie im Rheinland? An was sind sie gestorben? Warum finden sich Namen von Kinder im Säuglingsalter auf den Grabplatten? 

Die Hypothese, mit der unsere Autorinnen und Autoren die Feldforschung angefangen haben, hat sich bestätigt – die periphere Lage dieser Orte spiegelt die marginale Stellung der Opfer des deutschen Vernichtungskrieges gegen Polen und die Sowjetunion wider. Diese Orte sind materielle Beweise dafür, dass es in Deutschland noch lange nicht „fertig erinnert“ ist.9 Zwischen Geschichte als Wissenschaft und Geschichte als Erinnerung besteht nach wie vor eine Spannung…

Im Projektseminar haben wir uns der Geschichte auf verschiedenen Ebenen angenähert – historiografischen, gesellschaftlichen, medialen und geschichtspolitischen. So folgten wir Aleida Assmann, die schrieb:

„Geschichte ist nicht nur Terrain der Historiker, sondern das Tummelfeld der Zeitzeugen, die diese Geschichte noch in den Knochen haben. Geschichte ist darüber hinaus die Beute der Medien, die daraus einen gesellschaftlichen Diskurs zimmern, sowie die Verantwortung des Staates, der Geschichtsunterricht an den Schulen vorschreibt und Gedenktage organisiert, und nicht zuletzt Sache der Zivilgesellschaft, die sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzt.“ 10

Die Beiträge in diesem Blog sind Ergebnisse studentischer Forschungsarbeiten, basieren auf Primärquellen wie Archivalien, auf eigener teilnehmenden Beobachtung, Interviews und Expertengesprächen. Einige sind erst Forschungsskizzen und weisen Richtungen für die weitere Forschung. Mit dieser Veröffentlichung zum Anlass des 75. Jahrestages der Befreiung wollen wir auch von unserer Seite dem Gedenken an die vergessenen Opfer zumindest virtuell ein Zeichen der Anerkennung setzen. 

„Russische Bürger“ – Russifizierung sowjetischer Opfer im Nachkriegsdeutschland

Von einem vergilbten Passbild blickt ein junger aufgeweckter Mensch auf uns zu, schick gekleidet mit einem Hemd, Weste und  Krawatte – Wassil Prosin ist einer der wenigen „Ostarbeiter“, dem nicht nur sein Name, sondern auch sein Gesicht zurückgegeben werden konnte. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof der katholischen Pfarrkirche „Schmerzhafte Mutter“ in Wesseling. Die Namen- und Gesichtslosigkeit der Opfer im Osten wird somit überwunden. Damit konnte mit der NS-Tradition gebrochen werden, in der die sowjetischen Opfer, in der rassistischen Skala auf unterster Stufe als „Untermenschen“ gebrandmarkt, nach ihrem Tod dem Vergessen preisgegeben wurden. (Foto: Stadtarchiv Wesseling)

Man findet selten Namen auf solchen Grabstätten, meistens steht es dort „Unbekannter Russischer Bürger“. Die rechteckigen, flachen Grabplatten tragen die Inschriften fast ausnahmslos im gleichen Schrifttyp – offensichtlich wurden diese nach dem Krieg von demselben Steinmetz angefertigt. Die Texte der Inschriften auf den Eingangsdenkmalen, soweit diese vorhanden sind, sind im gleichen oder ähnlichen Wortlaut gehalten: Es geht um „russische Kriegsgefangene“, die „von 1941 bis 1945 durch deutsche Faschisten zu Tode gequält wurden“, oder im Kampf gegen den Faschismus gefallen“ sind. Auf den Gedenksteinen die gleich nach dem Kriegsende von den Überlebenden („Kameraden“) errichtet worden sind, wurden sie als Kriegsgefangene genannt, was heute viele Besucher irritiert. In der Forschung unterscheidet man zwischen „Ostarbeiter“, – d.h. die Zivilarbeiter, die hierher verschleppt wurden, und den „Kriegsgefangenen“, die aus den Gefangenenlagern deportiert worden sind und zur Arbeit verpflichtet wurden. An die Zivilisten, die für deutsche arbeiteten, gab es keinen Erinnerungsdiskurs in der Sowjetunion. Sie als „in faschistischer Gefangenschaft gestorben“ zu bezeichnen war offenbar die einzige Möglichkeit zu gedenken. Nach der Heimkehr in die Sowjetunion haben Menschen über ihre Arbeit in Deutschland geschwiegen. Die Rekonstruktion der Namen, Nachnamen, Lebensdaten, Todesursachen und Biographien ist auch deswegen nur zu einem Bruchteil abgeschlossen. Doch es ist gerade dieser Teil der Feldforschung, die uns als Forscher emotional bewegt und berührt hat.

Eine historische Ungenauigkeit ist hier augenfällig: die Daten 1941-1945 stehen für die gesamte Dauer des „Großen Vaterländischen Krieges“, sie beziehen sich nicht auf die tatsächliche Dauer der Inhaftierung im Lager; als Täter werden anonyme „deutsche Faschisten“ genannt – was der damaligen sowjetischen Rhetorik entspricht; als Objekten des Gedenkens – „russische Gefangene“, wobei deren tatsächliche Nationalität (Russen? Ukrainer? Belorussen?) verborgen bleibt. Es scheint, dass solche Steine zunächst als Provisorium errichtet wurde, um lediglich die letzte Ruhestätte zu markieren. Die Inschriften sind zudem häufig im fehlerhaften Russisch. 

Diese „Russifizierung“ der Sowjetbürger ist tatsächlich bemerkenswert, – und aus der jeweiligen nationalen Perspektive in vielen Fällen falsch. So auch wie im Fall von Wassil Prosin, der aus dem Donetzker Gebiet der Sowjetukraine stammte. Was bedeutet diese Einordnung der Sowjetbürger als Russen für die deutsche Erinnerung an den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion? 

In Deutschland fordert man immer häufiger, die Soldaten der Sowjetarmee nach nationalen Kategorien zu ordnen – und es wird bemängelt, dass in der deutschen öffentlichen Debatte die sowjetischen Opfer oft mit russischen gleichgesetzt werden, so zum Beispiel neulich im Tagesspiegel.11 

Wenn heute in den medialen Debatten die These aufgestellt wird, dass die Sowjets mit den Russen gleichgesetzt werden, dann werden die erinnerungskulturellen Gründe dafür kaum reflektiert. Dabei lohnt es sich, einen Blick auf die Muster der Wahrnehmung gegenüber den sowjetischen Soldaten im historischen Kontext zu richten.

Die deutsche Gesellschaft während des NS-Zeit unterschied kaum nach den ethnischen Zugehörigkeit der Opfer aus der Sowjetunion und brandmarkte sie alle als „Russen“. Sowohl die Wehrmacht an der Ostfront, als auch lokale Bevölkerung hatte wenig Ahnung vom multinationalen Charakter der Sowjetunion – für die Deutschen bedeutete ein „Sowjet“ gleich ein „Russe“. „So sieht es im blöden Russland aus“ – waren die Überschriften auf den Fotos der Wehrmachtssoldaten, die sie nach Hause schickten, auch wenn die Bilder in der Ukraine oder in Belarus aufgenommen wurden. „Dann kam der Russe“, heißt es in den Erinnerungen deutscher Zeitzeugen über das Jahr 1945 – und es wird nicht im positiven Sinne gemeint. Im alltäglichen Sprachgebrauch waren es „russische Gefangene“, auch wenn es Menschen mit ukrainischen oder belorussischen Namen waren.

Im Jahr 1945 waren die „Russen“ vor allem „Täter“ – Feinde, die den Sieg errungen hatten, Diebe, Vergewaltiger. Der „Russe“, der 1945 nach Deutschland kommt, war ein Sammelbegriff für die Soldaten der Rote Armee, die einen multinationalen Charakter hatte und der neben Russen, Ukrainer, Belarussen, Armenier, Juden, Letten und weitere Völker der Sowjetunion angehörten. Die vor 1945 gepflegte Vorurteile gegen „Russen“, die in der miserablen Lebensbedingung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion niederschlugen, setzten sich ohne Bruch auch nach der Niederlage Deutschlands fort. Die „Russen“ wurden vorschnell in Verdacht gezogen, kriminell zu sein. Die nach dem Krieg als DP‘s in Deutschland lebenden Ostarbeiter wurden als „russische Landplage“ wahrgenommen – und von der Kriminalpolizei als erste der Verbrechen verdächtigt. Zudem hat die Forschung schon mehrfach auf die Fortsetzung anti-russischer Stereotypen aus dem Ersten Weltkrieg in der NS-Ideologie im Zweiten Weltkrieg hingewiesen.

Die „Russifizierung“ der sowjetischen Opfer in Deutschland hat also mitnichten mit einer besonderen Empathie, konstruierten Diskursen gegenüber „Russen“oder Wirkung aktueller russischer Propaganda (wie es oft erklärt wird) zu tun, sondern mit  dem Grundmuster der zeitgenössischer Wahrnehmung. Dieser basiert auf Unwissen deutscher Bevölkerung über die sowjetische Gesellschaft und ihre Multinationalität. 

Es mussten einige Jahrzehnte vergehen, dass das Bild „Russen“ als Täter zum Bild Russen als Opfer wurde. Diese positive Veränderung wurde durch den intellektuellen Austausch und Diskurs angestoßen – dafür liefert das Wirken Lew Kopelews und Heinrich Böll („Warum haben wir aufeinander geschossen„) das beste Beispiel. Doch das Wissen über die Multinationalität der Opfer, deren Anerkennung heute so aktiv gefordert wird, hat sich nicht weiter entwickelt: Auf den Friedhöfen für sowjetische Kriegsgefangene sprechen die in den 1960-70er Jahren aufgestellten Informationstafel noch immer von „Russen“. Beklagt man als „Weltmeister der Aufarbeitung“ das heutige mangelhafte Wissen von Belarussen und Ukrainern als NS-Opfer sollten die Gründe dafür nicht bei Russland gesucht werden, sondern bei sich selbst und – in der Geschichte der eigenen Erinnerungskultur.

Zumal in Russland selbst, wie in der neuesten Forschung belegt, der Diskurs um den gemeinsamen Sieg aller Völker der Sowjetunion über das NS-Deutschland geschichtspolitisch forciert wird. Dass in der offiziellen Erzählung der Sieg als exklusive russische Leistung vereinnahmt wird, ist unbegründet und schlichtweg falsch.

Zwangsarbeiter in Bonn

Wassil Prosin war einer der zehn Tausenden „Ostarbeiter“ in der Region.12 Gegen seinen Willen aus seiner Heimat verschleppt, leistete er Zwangsarbeit für die deutsche Industrie. Die Ostarbeiter aus der „Sowjetunion“ und Zwangsarbeiter aus Polen wurden in der Öffentlichkeit stigmatisiert – sie mussten stets das Abzeichen „O“ oder „P“ tragen. Sie wurden mangelhaft ernährt, im Lager eingesperrt, für die geringe Vergehen bestraft bis zur Hinrichtung im Verdacht des Verhältnisses mit deutschen Frauen, wie es 1941 polnischen Häftlingen Ceslaw Worech und Felix Garbarek in Beuel13, oder im Verdacht des Diebstahls, wie es den drei jungen ukrainischen Zwangsarbeitern im Rheinbach widerfahren ist. Die Lokalbevölkerung erinnert sich an die „Sklaven“ vor der Haustür: „Sie waren eingesperrt wie Vieh und litten Hunger“.13

Das Bonner Arbeitsamt organisierte und koordinierte den Arbeitseinsatz der „Ostarbeiter“ in den Betrieben wie „die Vereinigten Aluminiumwerke im Bonner Norden, die Wesselwerke in Poppelsdorf und im Bonner Westen, die Firma Moeller am Bonner Güterbahnhof, die Firma Soennecken in Poppelsdorf, die Jutespinnerei und die Firma Marquardt in Beuel sowie die Ringsdorffwerke und die Chamotte- und Dinaswerke in Bad Godesberg-Mehlem.“14 Wie Eberhard Stang von der Bonner Geschichtswerkstatt feststellte, gab es im Raum Bonn kaum einen gewerblichen oder landwirtschaftlichen Betrieb, der nicht ausländische Zivilarbeiter oder Kriegsgefangene beschäftigte.15 Während der Forschung waren unsere Autorinnen und Autoren frappiert, dass solch bekannte Firmen wie Ringsdorffwerke, Soennecken oder Porzellanfabirk Ludwig Wessel in ihrer Online-Präsenz oder in der Berichterstattung zu den „Firmenjubiläen“ auf die Erwähnung dieser unbequemen Vergangenheit verzichten.16

Die Zwangsarbeiter aus Polen und der Sowjetunion, anders als die aus dem westlichen Europa, wurden wie Arbeitsvieh behandelt, ihr Tod billigend in Kauf genommen. Sie lebten in den Wohnbaracken, die „vollig überbelegt“ waren, litten an Magen- und Atemwegeerkrankungen, steckten sich gegenseitig an, bekamen keine medizinische Hilfe.17 Eine polnische Zwangsarbeiterin hinterließ einen erschütternden Bericht über das Leid einer Mitgefangenen in der Jutespinnerei, und die Gleichgültigkeit der deutschen „Herren“ – der Lagerleiterin, des Meisters lässt einen sprachlos zurück. 

„Es war Sommer, Hitze, Nachtschicht – die Fenster waren dicht zugemacht wegen der Verdunkelung. Ab und zu wurde mir schlecht wegen der stickigen Luft und der Wärme; Kaczmarek und ‚Los, Los‘ [so wurde ein Meister genannt] hatten uns zur Strafe mit kaltem Wasser begossen. Von diesem eiskalten Wasser erkältete sich Jadzia [Jadwiga Pawlowska], bekam rote Hautflecken, wurde schwach. Kaczmarek und ‚Los, Los‘ erlaubten uns nicht, einen Arzt aufzusuchen. Nach einigen Tagen fing Jadzia an zu husten und Blut zu spucken; sie bekam auch hohes Fieber. Dennoch wurde sie nicht zum Arzt geschickt, es gab für sie keine Arzneimittel, nicht einmal Aspirin. Als sie am Ende von einer schrecklichen Blutung befallen wurde, hat man sie in ein Isolierzimmer geschickt; es war ein kleiner und schwüler Raum, wo nur ein Etagenbett hineinpasste. Dort lag sie. Während wir bei der Arbeit waren, konnte ihr keiner auch nur ein Glas Wasser reichen. Am dritten Tag starb sie.“18

Die neugeborenen Kinder nahm man ihren Müttern weg – um diese in einer Art Anstalt zu „versorgen“. Die meisten Säuglinge überlebten diese Verwahrung nicht. 

Es ist erstaunlich, dass die genauen Lebensläufe sowie die Erinnerungen dieser Opfer für uns im Dunkeln sind – es sind kaum Selbstzeugnisse aus der Zeit überliefert worden, in den Erinnerungen, die in den letzten zwei Jahrzehnten (u.a. vom NS-Dokuzentrum in Köln „EL-DE-Haus) gesammelt worden sind, kommen Schikanen, Demütigungen und Gewalt sehr häufig vor.19 

Wassil Prosin kann also zu den „vergessenen“ Opfern des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion gezählt werden: Nach der Kriegswende vor Stalingrad begann die Wehrmacht aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion die Menschen nach Deutschland zu deportieren, um sie für die deutsche Kriegsindustrie auszubeuten. 

Die Menschen arbeiteten bis an ihre Grenzen – und der 21 -Jährigen Wasil ist einer der vielen Beispielen dafür, dass die Zwangsarbeit für Deutsche Betriebe mit dem Tod endete. Es ist bitter zu sehen, dass die meisten dieser jungen (die meisten waren 16 – 22 Jahre alt) Menschen im Frühling 1945 – und somit kurz vor deren Befreiung starben. 

Die letzten Tage vor der Befreiung 1945 waren auch die Zeit, in der die Täter in großer Anzahl aus dem Land flohen. Auch das gehört zur Geschichte des Umgangs mit der NS-Zeit in Bonn. Kaum jemand befasste sich mit der willkürlichen Ermordung der Zwangsarbeiter, wie der Beitrag zum Rheinbacher Stadtpark das am Beispiel der hingerichteten ukrainischen Zwangsarbeiter aufzeigt: 

„Im Vordergrund standen vielmehr eigene Leiderfahrungen der letzten Kriegsmonate. So blieb das Mordgeschehen einige Jahre unerwähnt und wurde dem Vergessen preisgegeben. Weder nach Festnahme des Bürgermeisters noch während seines Entnazifizierungs-verfahrens wurden die Taten bekannt. Vielmehr stellten circa fünfzehn Rheinbacher Bürger Leumundszeugnisse aus, die Josef Wiertz durchweg positiv darstellten und ihm zu einer schnellen Haftentlassung und nach mehrjährigen Prüfungen im Jahr 1958 sogar zu einem Anspruch auf Pensionierung verhalfen. Die Aussagen dreier Rheinbacher Bürger über die Tatbeteiligung des NS-Bürgermeisters am Ukrainer-Mord blieben unbeachtet.“20

Orte

Mit diesem Blog wollen wir unsere Leser zum Nachdenken anregen – und dazu, sich zu trauen, die erinnerungskulturelle „Komfortzone“ zu verlassen. Die kritische Perspektive soll helfen, das affirmative Selbst-Bild vom „Weltmeister der Aufarbeitung“ (Peter Esterhazy) zu hinterfragen. Geht man davon aus, dass lokale und regionale Gedenkstätten das Herzstück einer demokratischen Erinnerungskultur sind, liegt gerade in der Verwandlung der Leerstellen in die Lehrstätten die Chance, dass Erinnerungskultur in Deutschland ihr Potential der kritischen Selbstüberprüfung zurück gewinnt. So sollte angestoßen werden, solche auf den ersten Blick einfache Frage – Was ist eine Gedenkstätte und was soll sie bezwecken? – zu reflektieren.

Denn: Das Gemeinsame der Orte, die hier thematisiert werden, liegt darin, dass sie 

– schwer zugänglich…

– selten ausgeschildert…, 

– kaum mit den ÖVM zu erreichen sind

Man ist auf Hilfe der Lokalhistoriker oder der Erinnerungsaktivisten angewiesen.21 Es sind Begräbnisstätten mit Grabplatten – ursprünglich sollten sie als Orte der Trauerarbeit fungieren, – aber keine Mahnmale oder Orte des negativen Gedächtnisses im Koselleckschen Sinne. Viele der Orte haben also immer noch ein provisorisches Denkmal, das später einem richtigen Mahnmal Platz machen sollte. Dazu ist es nie gekommen. Bis heute ist die Funktion des „Erinnerungsortes“ die gleiche geblieben, wie ursprünglich: es ist ein Grabmal, keine „Gedenk“- oder Lehrstätte.

Geht man davon aus, dass Mahnmale grundsätzlich eingängiger sind als Texte und sich deswegen zur Vermittlung der Erinnerungspflichten eignen, sind unsere Orte also nur nominell „Gedenkstätten“. Das Gedenken findet nicht statt – mit Ausnahme russischsprachigen Erinnerungsgemeinschaften, die hier traditionell an den in Russland üblichen Gedenktagen versammeln. Das fehlende Gedenken steht im Zusammenhang mit dem fehlenden Wissen, und oft – dem „Wissen-Wollen“ – über dieses Thema von Seiten der lokalen Bevölkerung.

Die Beiträge stellen fest: Viele der Erinnerungsorte warten auf ein Denkmal oder seine Renovierung sowie auf Rituale des Gedenkens, – manche warten noch darauf, überhaupt entdeckt zu werden. Die Autorinnen und Autoren sehen darin einen Hinweis darauf „wie groß unsere Wissenslücke und eine Leerstelle im öffentlichen Gedenken ist.“22 Mit den „stummen“ Friedhöfen bleiben im deutschen Erinnerungsdiskurs auch Opfer ohne Stimme – „die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter warten noch auf ein angemessenes Zeichen der Anerkennung und des Gedenkens“.23

Wir wollen unsere Leserinnen und Leser dazu anregen, diesen Orten der NS-Gewalt „vor der Haustür“ Aufmerksamkeit zu schenken. So kann der deutsche Vernichtungskrieg im Osten – gegen Polen und die Sowjetunion – im deutschen Gedächtnis verankert werden, – ohne eine Opferkonkurrenz aufzumachen und ohne „aufoktroyiert“ von oben zu wirken. 

Dank

Wir wollen allen unseren Interviewpartner, den Lokalhistorikern, Vereinen, Gedenkstätten und Erinnerungsaktivisten ganz herzlich danken. Es würde den Rahmen dieser Einleitung sprengen sie alle hier namentlich zu nennen, aber in den jeweiligen Einzelbeiträgen werden sie durch Referenzen in den Quellenverzeichnissen genannt. 

Hinweisen möchte ich besonders auf den Blogbeitrag zur Gedenkstätte „Hoffnungsthal“ in Kalmusweier / Köln-Rösrath von Sandra Ziehms, deren Forschung nicht Teil des Projektseminars war. Ihre hervorragende B.A.-Arbeit zu diesem Ort „Gedenkstätte Hoffnungsthal als Beispiel des Umgangs mit sowjetischen und polnischen Gedenkstätten in Deutschland“, entstanden 2019 an der Abteilung für Osteuropäische Geschichte, war für mich eine Anregung, das Projektseminar im Wintersemester 19/20 abzuhalten und die Studierende zur eigenständigen Feldforschung anzuregen. Diese B.A.-Arbeit wurde 2019 vom CCCEE mit dem Raissa-Orlowa-Preis ausgezeichnet. 

Ich persönlich bedanke mich bei Hera Shokohi. Ohne ihren Einsatz wäre dieser Blog nicht entstanden –  Redaktion aller Beiträge, Layout und Programmieren des Blogs, Einstellen der Illustrationen und ein mühsames manuelles Reinstellen der Fußnoten waren in ihrer Hand. Diese Leistung kann nicht hoch genug geschätzt werden. 


1 Makhotina, Ekaterina: Geteilte Erfahrung – Geteiltes Gedenken: Siebzig Jahre Befreiung des KZ Dachau, in: Erinnerungskulturen. https://erinnerung.hypotheses.org/105, Stand 06.05.2020.

2 Makhotina, Ekaterina: Der Weg des Erinnerns, in: Münchner Leerstellen. http://www.muenchner-leerstellen.de/ueber-das-projekt/vergessene-lager-verschwindende-stimmen, Stand 06.05.2020.

3 So Erhard Stang von der Bonner Geschichtswerkstatt im Beitrag „Zwangsarbeit in Bonn 1939-1945“: http://www.bonner-geschichtswerkstatt.de/index.php/projekte/diverse/55-zwangsarbeit-in-bonn-1939-1945, Stand 07.05.2020

4 Vgl. Bocchieri, Verwittertes Gedenken und der Beitrag des Lokalforschers, Amateurhistorikers Paul Stelkens.

5 Vgl. Friechrich/Ziehms, Rheinbacher Stadtpark.

6 Vgl. Timofeeva, Gedenkvereine und Erinnerungsgemeinschaften aus der ehemaligen Sowjetunion.

7 Hans Hesse/Elke Purpus, Gedenken und Erinnern im Rhein-Erft-Kreis. Ein Führer zu Mahnmalen, Denkmälern und Gedenkstätten des Ersten Weltkrieges und zur NS-Zeit, Essen 2008. 

8 Vgl. Bocchieri, Verwittertes Gedenken.

9 Wie es Ulrike Jureit formulierte: Sind wir vielleicht mit dem, wofür Auschwitz bis heute steht, widererwartend doch ganz gut „fertig geworden“? Impuls zum Podium „Nach dem Memory Boom: Diktaturforschung und Geschichtspolitik in transnationaler Perspektive“, 21. Juni 2018, HAIT Dresden.

10 Assmann, Aleida: Der europäische Traum. Vier Lehren aus der Geschichte, München 2018, S. 128.

11 Gedenken in Berlin löst Eklat aus: Ukrainischer Botschafter weist Einladung von Michael Müller zurück, in: Tagesspiegel, 01.05.2020. https://www.tagesspiegel.de/berlin/gedenken-in-berlin-loest-eklat-aus-ukrainischer-botschafter-weist-einladung-von-michael-mueller-zurueck/25793888.html?fbclid=IwAR0Ifis1T4HFVAUGdCw0f6izyJcBMp0bTcNqdx7uNNo7kIFKg5wVYxB1EHg, Stand: 01.05.2020.

12 Stang, Erhard: Zwangsarbeit in Bonn 1939-1945, in: Bonner Geschichtswerkstatt e.V. http://www.bonner-geschichtswerkstatt.de/index.php/projekte/diverse/55-zwangsarbeit-in-bonn-1939-1945, Stand 07.05.2020.

13 Vgl. Lindner, Bonn-Duisdorf.

14 Stang, ebd.

15 Siehe den Beitrag zu Beueler Friedhof am Platanenweg, siehe auch Erhard Stang von der Bonner Geschichtswerkstatt im Beitrag „Zwangsarbeit in Bonn 1939-1945“.

16 so Ringsdorffwerke: https://www.general-anzeiger-bonn.de/news/wirtschaft/regional/80-jahre-sinterfertigung-in-bad-godesberg_aid-42219727 oder Wikipedia-Eintrag Porzellan- und Steingutfabrik Ludwig Wessel – Wikipedia, sowie die Firma Soennecken: https://de.wikipedia.org/wiki/Soennecken. Stand: 07.05.2020.

17 Vgl. Cordes/Schade, Zwangsarbeit in Beuel.

18 Vgl. Ebd., zitiert nach: Altman-Radwanska: Polnische Zwangsarbeiter in Bonn, S. 161.

19 Vgl. Cordes/Schade, Zwangsarbeit in Beuel.

20 Vgl. Mohr, Peter: Täter werden zu Opfern (gemacht), Rheinbach 2011. (unveröffentlichtes Manuskript).

21 So russischsprachige Erinnerungs-Community, thematisiert im Beitrag von Maria Timofeeva.

22 Vgl. Lindner, Bonn-Duisdorf.

23 Vgl. Bocchieri, Verwittertes Gedenken.

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