Fania Brancovski, in memoriam

Fania Brancovski führt über das Ghetto von Vilnius. Links: Katja Makhotina.

An einem sonnigen Junitag treffen wir in Vilnius Fania Brancovski. Sie lächelt uns entgegen, als wir sie an der Trolleybus-Haltestelle Traku Gatve an der alten Synagoge abholen. Die elegant gekleidete ältere Dame – geblümte Bluse, Bleistiftrock und modische Sonnenbrille – läuft schnellen Schrittes vor uns in Richtung Altstadt, und wir können kaum glauben, dass sie schon 96 Jahre alt ist. Fania ist Holocaustüberlebende und war Untergrundkämpferin im Wilnaer Ghetto. Seit den 1990er-Jahren begleitet sie interessierte Besucher durch das jüdische Viertel – das ehemalige jüdische Ghetto – und an die Orte, wo sie gegen die deutschen Besatzer gekämpft hat. Fania macht sich Mühe, für den deutschsprachigen Teil unserer Gruppe extra langsam Jiddisch zu sprechen, doch dann wechselt sie ins Russische – und wir übersetzen.

Ihre Erzählung beginnt mit ihrer Kindheit im noch polnischen Wilno der Zwischenkriegszeit. Sie war neunzehn Jahre alt, als die Wehrmacht 1941 in ihre Heimatstadt einmarschiert ist. Sie erzählt uns von ihren Eltern, die, ins Ghetto getrieben, Zwangsarbeit leisten mussten, um danach im Wald von Ponar, einer Erschießungsstelle nahe Wilno, umgebracht zu werden. Aus ihrer Geldbörse holt sie ein Familienfoto hervor – das habe sie stets dabei –, mit Bleistift sind zwei Menschen markiert: sie selbst und ihre Cousine – die Einzigen aus der großen Brancovski-Familie, die die deutsche Besatzung überlebt hatten. 1942 schloss sich Fania der jüdischen Widerstandsgruppe Fareinikte Partisaner Organisatzije (FPO) an, schmuggelte Waffen ins Ghetto und beteiligte sich an Sabotageaktionen wie der Sprengung der Eisenbahnlinien. Ihre Gruppe schloss sich der sowjetischen Partisanenbewegung in den nahen Rudninku-Wäldern an und unterstützte auch die Befreiung von Vilnius durch die Rote Armee.

Fania führt uns durch das ehemalige jüdische Große Ghetto, von dem heute allerdings nicht mehr viel zu sehen ist. Als das Ghetto am 23. September 1943 aufgelöst wurde, wurden die restlichen Juden erschossen und das Ghetto wurde niedergebrannt. Wohl wissend, dass die Rote Armee vorrücken würde und das genozidale Kriegsverbrechen damit sofort sichtbar und hörbar würde, begannen die deutschen Besatzer im Sommer 1943 mit der Spurenvernichtung – der Politik der „verbrannten Erde“. Das war das endgültige Ende des litauischen Jerusalems: Neben der Großen Chorshujl-Synagoge wurden alle historischen Bauten wie auch die Schätze der Wilner YIVO-Bibliothek vernichtet. Heute erkennt man die Spuren jüdischen Lebens allenfalls noch an den Gedenktafeln in der Innenstadt von Vilnius, die uns in jiddischer, litauischer und englischer Sprache auf diese große Leerstelle hinweisen: auf den Niedergang der jüdischen Welt in Litauen und das Ende ihrer tausendjährigen Geschichte.

Von Fania erfahren wir nicht nur die Geschichte der Vernichtung des litauischen Judentums, sondern auch des Widerstands. Ihr persönlicher Widerstand während des Krieges war der bewaffnete Kampf gegen die Nazis und deren Mithelfer. Ihr Widerstand heute ist ihr erinnerungskultureller Aktivismus: Wo immer das nationalistische politische Establishment den Mord an litauischen Juden als fremde Tragödie bei der blutigen Auseinandersetzung zweier Totalitarismen – des Nationalsozialismus und des Kommunismus – darstellen möchte, steht Fania auf und meldet sich zu Wort. Ihr liegt sehr daran, zu erzählen, was die deutsche Besatzung für Juden bedeutete und wie der Holocaust in Litauen stattfinden konnte. Die häufige erinnerungspolitische Referenz, man hätte keine freie moralische Wahl gehabt, für das Gute zu kämpfen, denn sowohl die Nazis als auch die Sowjets seien schreckliche verbrecherische Systeme gewesen, lehnt Fania entschieden ab, würde es für sie doch eine Entwertung ihres Beitrages zur Befreiung Litauens und zum Sieg gegen Hitler bedeuten. Auch, dass es sogar mehr als eine Entwertung sein könnte – nämlich die Kriminalisierung als „sowjetische Terroristin“ –, habe Fania bereits erfahren, als 2008 die litauische Generalstaatsanwaltschaft gegen sie, die damals 86-Jährige, ermittelte. Und immer wieder, am 9. Mai, wenn Fania zusammen mit Veteranen und ehemaligen Häftlingen der KZs und Ghettos auf die Straße geht, steht ihnen ein Teil der nationalistisch orientierten Jugend gegenüber, mit Plakaten, die besagen, die Rote Armee habe mehr Verbrechen begangen als die SS. Doch Fania macht weiter. Überzeugt erklärt sie uns gegenüber: „Ich werde oft gefragt: Ist es nicht schwer für dich? Ich meine, ja, es ist schwer für mich. Aber diese, die in Ponar liegen, die können nicht mehr aufstehen. Solange ich noch kann, halte ich es für meine Pflicht, Zeugnis abzulegen.“

Unsere Gruppe ist wahrhaftig beeindruckt und auch mitgenommen, als Fania sich sehr herzlich von uns verabschiedet und uns alles Gute wünscht. Fania und ihr Familienfoto sehen wir noch einmal, als wir das Grüne Haus besuchen – die Filiale des jüdischen Museums von Vilnius mit der Holocaustausstellung „Katastrophe“. Vergrößert auf Leinwand und versehen mit der Unterschrift „Es haben nur zwei überlebt“, bildet es den Auftakt zur Ausstellung und vergegenwärtigt unmittelbar die Totalität der Vernichtung: Sechzehn Familienmitglieder im Jahr 1939 – und nur zwei davon überlebten den Krieg.

(Auszug aus dem Buch „Offene Wunden Osteuropas“: Reisen zu Erinnerungsorten des Zweiten Weltkrieges“, mit Franziska Davies (2022), S. 176-178.)

Das Bild der Familie Bransovski 1939. Fania befindet sich in der ersten Reihe, sitzend, erste von links.

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